Luxus-E-Auto Nio ET9: Champagnerlaune im China-Maybach

Mit dem ET9 will Nio den Begriff des automobilen Luxus neu definieren und damit Maybach und Bentley ärgern. Das Interieur beeindruckt ebenso wie das Fahrwerk. Der Beitrag Luxus-E-Auto Nio ET9: Champagnerlaune im China-Maybach erschien zuerst auf Elektroauto-News.net.

Mär 31, 2025 - 05:50
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Luxus-E-Auto Nio ET9: Champagnerlaune im China-Maybach

Wenn Nio von Handarbeit spricht, dann meint es der chinesische Autobauer auch so. Beweise gefällig? Der dunkelblaue Metallic-Lack mit dem Namen „Midnight Ceramic Blue“ wird 60 Stunden lang von Hand poliert. Da kann selbst ein Rolls-Royce-Chauffeur nur anerkennend den Hut ziehen. Doch das ist nicht das einzige Pfund, mit dem der chinesische Autobauer wuchert: Das aktive Sky-Ride-Fahrwerk soll für den bestmöglichen Komfort sorgen. Andere sprechen vom fliegenden Automobil-Teppich, Nio will ihn aus der Märchenwelt von Tausendundeiner Nacht auf den Asphalt holen. Für die chinesischen Techniker verdient ein solches System nur dann das Attribut „aktiv“, wenn die Dämpfer selbst die Zug- und die Druckstufe aktivieren können. Das System soll 60 Mal schneller reagieren als eine reine Luftfeder.

Das Fahrwerk, das der chinesische Autobauer zusammen mit dem amerikanischen Start-up Clearmotion entwickelt hat, greift das Prinzip auf, das Porsche beim Panamera nutzt. An jedem Rad befindet sich eine elektrisch angesteuerte Hydraulikpumpe, die in das Federbein integriert ist. Die blitzschnelle Reaktionszeit von 50 Millisekunden soll zu einem samtweichen Fahrerlebnis führen. Zum Vergleich: Das hydraulische Fahrwerk des Porsche Panamera passt sich innerhalb von 200 Millisekunden an. „Wir haben gemeinsam mit Motion Control das Fahrwerk in eine neue Stufe gehoben“, freut sich Techniker Jonathan Rayner.

Die nächste Stufe ist schon in der Mache: Im Herbst wird eine Kamera installiert, die Hindernisse erkennt und das Fahrwerk vorbereitet. Ein ähnliches System hat Mercedes schon länger im Einsatz. Derweil sammeln Nio-Fahrer der Modelle ET9 und E9 sämtliche Schlaglöcher und andere Bodenunebenheiten auf den Straßen Chinas, laden diese in eine Cloud hoch, auf die der Nio ET9 und somit das Sky-Ride-Fahrwerk zugreifen kann. Das vernetzte Chassis besteht nicht nur aus dem Fahrwerk, sondern basiert auf dem Zusammenspiel vieler Komponenten wie die Steer-by-Wire-Lenkung, der Hinterachslenkung, die die Räder mit maximal 8,25 Grad einschlägt und eine ganze Armada von Computerchips und Steuergeräten, die eine monströse Datenmenge der Sensorphalanx verarbeiten. „Die Software ist ganz wichtig“, strahlt Fahrdynamiker Figo Wang, der aber auch das persönliche Perfektionieren durch unzählige Erprobungskilometer durch Menschen zu schätzen weiß.

Jetzt geht es ans Eingemachte. Denn auf einem Testparcours sind genau jene Hindernisse aufgebaut, mit denen der Nio ET9 auf Videoaufnahmen die deutsche Premium-Konkurrenz alt aussehen lässt. Wir machen die Probe aufs Exempel und jagen erst den BMW i7 über den von Nio präparierten Kurs, auf dem sich die Hindernisse gleichmäßig versetzt voneinander befinden. Während wir in der Münchner Limousine wie ein Cocktail im Barmixer durchgeschüttelt werden, absolviert der Nio ET9 diese Prüfung souverän. Ganz wegbügeln kann auch der chinesische fliegende Teppich die Buckel nicht, dennoch durchquert er den Parcours deutlich geschmeidiger als der weißblaue Fahnenträger. Selbst wenn bei Tempo 180 ein Reifen platzt, bleibt der Nio ET9 stabil und beherrschbar. Auch davon konnten wir uns überzeugen.

Nio ET9 Kameras
Nio

Natürlich haben wir uns auch den Champagner-Test vorführen lassen. Mit einer Pyramide bestehend aus aufgestellten Gläsern auf der Fronthaube gefüllt mit der Nobelbrause überquert der China-Luxusdampfer einige Hindernisse, ohne einen Tropfen zu vergießen. Dieses Programm lässt nur Geschwindigkeiten bis 18 km/h zu und muss in einem Untermenü aktiviert werden. Letztendlich wird alles inklusive der Dämpfer und Federn dem Ziel untergeordnet, die Karosserie waagrecht zu halten. Der Stunt klappt. Die Laune der Nio-Ingenieure war nach der Demonstration so gut, als ob sie die Pulle selbst gelehrt hätten. Schon beeindruckend. Allerdings darf man bei dem ganzen Lob nicht vergessen, dass der Nio ET9 einen Federweg von 22 Zentimetern hat.

Auch in China dauern Wunder etwas länger

Mit diesem Wissen machen wir uns auf die Testfahrt und stellen fest, dass auch im Reich der Mitte Wunder etwas länger dauern. Ja, der ET9 federt gut und souverän ab, aber der Komfort ist nicht um ein Vielfaches besser als in einer Mercedes-S-Klasse. Eher ähnlich. Wir goutieren diese Rest-Verbindlichkeit. Das trifft auch auf das Bremsen und die Kurvenfahrten zu. Ein vollständiges Unterdrücken der Karosseriebewegungen würde den Fahrer eine nicht vorhandene Neutralität und Sicherheit vorgaukeln, selbst wenn das Fahrzeug sich dem Grenzbereich nähert. Deswegen nickt der ET9 beim Verzögern ein beziehungsweise neigt sich bei schnellen Richtungswechseln. Zumal die Abstimmung sehr komfortbetont ist, wie man es eben in China mag.

Wobei uns Figo Wang versichert, dass man ein anderes Set-up finden werde, falls der Wagen nach Europa kommt. Wieder ist die Software der entscheidende Hebel, mit dem die Anpassung realisiert wird. Auch die Steer-by-Wire-Lenkung erledigt ihre Aufgabe zuverlässig, wenngleich wir, was die Rückmeldung angeht, immer noch einer gut eingestellten elektromechanischen Lenkung den Vorzug geben. Aber man darf nie vergessen, dass der Nio ET9 ein Luxus-Schiff ist, das für China konzipiert ist.

Nio ET9 Seite Heck
Nio

Dass ein solches Vehikel kein Leichtgewicht ist, liegt auf der Hand. Wir gehen von rund 2,7 Tonnen aus. Der Allradantrieb mit 180 kW / 245 PS vorne sowie 340 kW / 462 PS hinten (Systemleistung 520 kW / 707 PS) und einem maximalen Drehmoment von 700 Newtonmetern wuchtet den ET9 in 4,3 Sekunden von null auf 100 km/h. Aktuell bietet Nio eine Batterie mit einer Kapazität von 100 Kilowattstunden (netto 95,8 kWh) an, die maximal 325 kW Ladeleistung schaffen. So dauert es circa 20 Minuten, um die Batterien von 10 auf 80 Prozent zu füllen. Sind diese Energiespeicher vollständig geladen, kommt der ET9 mit 22 Zoll Reifen bis zu 650 Kilometer weit, mit 23-Zöllern, sind es 620 km. Alles nach dem chinesischen CLTC-Zyklus, dessen Reichweiten etwa 15 Prozent höher sind als beim WLTP-Test.

Später folgen Akkus mit 120 kWh (netto 112 kW). Die maximale Reichweite beläuft sich dann auf 750 km (22 Zoll Pneus) beziehungsweise 715 km bei 23 Zoll Reifen. Die neue, von Nio selbst entwickelte NT-3.0-Plattform ermöglicht die 925-Volt-Technik und bei diesen Batterien das Laden mit 600 kW. So soll innerhalb von fünf Minuten Strom für 255 Kilometer in die Energiespeicher fließen beziehungsweise die Akkus in rund 15 Minuten von 10 bis 80 Prozent gefüllt werden. Inwieweit sich diese Werte realistisch sind, werden Praxistests zeigen. Zumindest dürfte es schwer werden, Ladestationen zu finden, die diese Technik voll ausschöpfen. Besser ist es, die neueste Version der Batteriewechselstationen zu nutzen. Dann ist die Sache in gut drei Minuten erledigt. Den Verbrauch gibt Nio mit 16,2 kWh/100 km an.

Per Knopfdruck verwandelt sich der Fond in einen Schlafwagen

Womit wir uns aber nur schwer anfreunden können, ist das schmale oben und unten abgeflachte Lenkrad. Ja, wir verstehen, dass dies zusammen mit der hohen Sitzposition dazu beiträgt, dass man über den Lenkradkranz auf das schmale 48-Zoll-lange Displayband blicken kann. Während vor allem deutsche Hersteller immer breitere Monitorgruppen im Innenraum wuchern lassen, betreibt Nio eher Anzeigen-Detox. Neben dem großen 15,6-Zoll-Display (ganz ohne geht es in China natürlich nicht) als Kommandozentrale, stellen das Displayband und ein Head-up-Display mit Augmented-Reality-Anzeigen Informationen für den Fahrer bereit. Richtig cool ist das 5D-Kino-Erlebnis, bei dem alle Systeme, inklusive dem Fahrwerk ein möglichst realistisches Szenario realisieren. Also hebt das Auto bei der wilden Verfolgungsjagd durch die steilen Straßen von San Francisco gefühlt ab und bei einem Renn-Videospiel ist man als Fahrer mittendrin statt nur dabei. Schon lässig. Beim Interieur gibt sich Nio ohnehin keine Blöße. Insgesamt 200.000 Stiche sind nötig, um den Lederbezug an die richtige Stelle zu bringen und dort zu fixieren.

Nio ET9 Cockpit
Nio

Der 58,2 Zentimeter breite Chefsessel hinten links bietet eine Fläche von zwei Quadratmetern, ist mit 14 Lagen plus Schaum extra dick gepolstert und knetet den gestressten Manager mit einer 16-Punkt-Massage richtig durch. Mit einem Druck auf den VIP-Knopf verwandelt sich der Fond in einen Schlafwagen, den sieben Gardinen abdunkeln. Bei einem Radstand von 3,25 Metern und einer Fahrzeuglänge von 5,32 Metern ist das kein Problem. In der zweiten Reihe sitzt man so weit hinten, dass die C-Säule den Passagier verdeckt, will man aus- oder einsteigen schwingen die Pforten per Knopfdruck weit auf. Ein Zehn-Liter-Kühlschrank kühlt Getränke auf bis zu -2 Grad herunter, ein kleiner Safe zwischen den Sitzen sichert Wertsachen. Apropos: Der Nio ET9 kostet rund 103.000 Euro beziehungsweise 87.000 Euro, wenn man sich für Battery as a Service entscheidet. Spätestens jetzt kann kein deutscher Hersteller mehr mithalten.

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