Abarth 600e Scorpionissima – Fahrbericht eines Rebels

Der stärkste Serien-Abarth aller Zeiten zeigt, dass Elektropower nicht leise sein muss. Der 600e inszeniert sich als Skorpion mit neuem Gift. Unser Review. Der Beitrag Abarth 600e Scorpionissima – Fahrbericht eines Rebels erschien zuerst auf Elektroauto-News.net.

Apr 4, 2025 - 16:08
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Abarth 600e Scorpionissima – Fahrbericht eines Rebels

„Ihr blamiert den Namen eures Gründers Carlo Abarth“ – so und ähnlich lauten viele Kommentare in sozialen Netzwerken, seit klar ist: Abarth wird elektrisch. Genau diesen Kommentar hatte unser Autor Joaquim Oliveira bereits im November 2024 aufgegriffen. Doch was schon vor gut einem halben Jahr für manche wie ein Tabubruch wirkte, ist für die Marke mit dem Skorpion im Logo der einzige Weg, um auch künftig relevant zu bleiben. Der Abarth 600e steht für genau diesen Wandel. Und er verkörpert das lauter, schneller und kompromissloser als viele erwartet hätten – ohne die Wurzeln der Marke zu verleugnen.

„Wir schlagen heute ein neues Kapitel in der Geschichte von Abarth auf“, sagte Andreas Mayer, Brand Director Fiat & Abarth, zum Auftakt der Fahrvorstellung in Frankfurt vor wenigen Tagen. Dabei erinnerte er an die Geschichte des 1949 gegründeten Unternehmens, das seit jeher für Performance zu vergleichsweise günstigen Preisen steht. Die Entscheidung, Abarth als vollelektrische Marke weiterzuentwickeln, sei nicht leicht gefallen – aber notwendig gewesen. „Carlo Abarth hätte mit einem Auto wie diesem wahrscheinlich noch mehr Preise gewonnen“, ist Mayer überzeugt. Und verweist auf die markentypische DNA: Performance, Stil und Community. Diese drei Werte wolle man auch im Zeitalter der Elektromobilität konsequent weiterleben.

Head of Product, Abarth: “traditionellste und zugleich revolutionärste Abarth aller Zeiten”

Für Francesco Morosini, Head of Product bei Abarth, ist der 600e sogar der „traditionellste und zugleich revolutionärste Abarth aller Zeiten“. Was widersprüchlich klingt, erklärt er mit einem emotionalen Bild: Ein stressiger Tag, 40 Grad im Schatten, der Kopf voller Sorgen – doch dann schaltet die Ampel auf Grün, ein Tritt aufs Strompedal, der Soundgenerator röhrt, der Körper wird in den Sitz gedrückt. Und für einen Moment ist alles andere vergessen. „Dieses Lächeln im Gesicht – das ist der Grund, warum Abarth existiert“, sagt Morosini. Genau dafür sei auch der Abarth 600e entwickelt worden: um auch die neuen Kunden zum Schmunzeln zu bringen – und alte Fans mit kompromissloser Leistung nicht zu verlieren.

Entstanden sei der 600e in enger Zusammenarbeit mit dem Motorsport-Team von Stellantis. Genau wie in der Formel E oder bei anderen Rennprojekten habe man Know-how, Komponenten und Einstellung übernommen – mit einem klaren Ziel: maximale Performance. „Unsere Kunden sind im Herzen Rennfahrer – oder wollen es zumindest sein“, so Morosini. An sie richte sich der Abarth 600e. Und so sei etwa das Fahrwerk mit Fokus auf Agilität und Grip abgestimmt worden, während das Sperrdifferenzial für bestmögliche Kraftverteilung sorgt.

Dass es sich bei dem neuen Modell nicht nur um einen elektrifizierten Fiat 600 handelt, machte auch Vanessa Schwalm, Produktmanagerin Fiat und Abarth, deutlich. „Der Abarth 600e wurde nicht einfach adaptiert – er wurde gezielt designt, gebaut und geboren, um der leistungsstärkste Abarth aller Zeiten zu sein, erklärte sie. Zwar teilt sich der Scorpion die 54-kWh-Batterie mit dem Fiat-Bruder, doch durch spezielle Kühlstrategien und eine präzisere Leistungsentfaltung schöpft er deutlich mehr aus der Technik heraus.

Abarth setzt auf ganz besondere “Rezeptur”, um sich “wie ein Rennfahrer” zu fühlen

Wichtige Bausteine der Abarth-Rezeptur sind dabei unter anderem die Michelin-Reifen mit hohem Gripniveau, aber leisem Abrollverhalten und guter Reichweite sowie die Alcon-Sportbremsanlage mit Vierkolben-Monoblock-Sätteln. Hinzu kommen eigens entwickelte Sabelt-Sportsitze, die sowohl in puncto Seitenhalt als auch Ergonomie punkten. „Man sitzt drin und fühlt sich sofort wie ein Rennfahrer“, so Schwalm. Ein vollmechanisches Pedalgefühl – zumindest im Modus „Scorpion Track“ – verstärkt diesen Eindruck noch. In diesem Fahrmodus ist die Rekuperation deaktiviert, um das Gefühl einer hydraulischen Bremsanlage zu imitieren.

Die Fahrmodi selbst – Turismo, Scorpion Street und Scorpion Track – steuern nicht nur Leistung (111, 150 und 206 kW), sondern auch Drehmoment, ESP-Kalibrierung und Höchstgeschwindigkeit. Wer es effizient mag, wird mit der reduzierten Leistung im „Turismo“-Modus bei abgeregelten 150 km/h fahren. Wer es wissen will, bekommt im „Scorpion Track“ die volle Dröhnung mit 280 PS, 345 Nm Drehmoment und 200 km/h Spitze – sowie einer sportlich abgestimmten Stabilitätskontrolle.

Für zusätzliche Rennsportanmutung sorgen nicht nur 20-Zoll-Räder, sondern auch die optischen Details. Schwalm verweist auf den neugestalteten Skorpion als elektrifizierte Markenidentität, die sich in vielen Elementen wiederfindet – von den Felgen über die Sitze bis hin zum Heckspoiler. „Ein Tribut an Carlo Abarth“, wie sie betont. Besonders stolz zeigt sie sich auf das Heritage-Lenkrad mit 12-Uhr-Markierung und die Performance-Pages im Infotainment, die G-Kräfte, Rundenzeiten und Beschleunigungsdaten anzeigen. Der Soundgenerator, deutlich zugänglicher als noch beim Abarth 500e, lässt sich während der Fahrt aktivieren und deaktivieren – je nach Laune.

Mit einem Einstiegspreis von 44.990 Euro für den 175-kW-starken Turismo und 48.990 Euro für die limitierte Scorpionissima-Edition mit 206 kW bewegt sich der Abarth 600e preislich im oberen Segment – doch bietet dafür Technik, Design und Emotion, die über ein klassisches Kompakt-SUV weit hinausgehen. Gerade die Scorpionissima-Variante in Hypnotic Purple, limitiert auf 1949 Exemplare (in Anspielung auf das Gründungsjahr der Marke), setzt mit Rennsitzen, Sportpedalen und exklusivem Styling noch eins drauf.

Noch wichtiger aber: „Man muss den Abarth 600e fahren, um ihn zu verstehen“, sagt Schwalm zum Abschluss. Gesagt getan und damit steigen wir auch in den Abarth 600e Scorpionissima ein.

Fahrbericht des Abarth 600e Scorpionissima im Frankfurter Großraum

Der Abarth 600e Scorpionissima wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Performance-Crossover: tiefgelegt, breite Spur, 20-Zoll-Räder, auffälliges Purple-Lackkleid. Doch was steckt wirklich drin im stärksten Serien-Abarth aller Zeiten? Eine erste Ausfahrt rund um Frankfurt zeigt: Der elektrische Skorpion sticht tatsächlich – aber nicht in jeder Situation sofort.

Mit 206 kW (280 PS) auf der Vorderachse, 345 Nm Drehmoment und einem mechanischen Sperrdifferenzial ist klar, wohin die Reise geht. Im Fahrmodus „Scorpion Track“ wird der volle Tatendrang freigeschaltet – und spätestens ab 50 km/h wirkt der Antritt so entschlossen, wie man es von einem Abarth erwarten darf. Unten raus, also aus dem Stand, hält sich der Elektroantrieb zunächst noch etwas zurück. Erst mit etwas Verzögerung baut der 600e seine Leistung auf – vermutlich eine Folge der auf Winterreifen stehenden Testwagen, die beim beherzten Beschleunigen spürbar an Grip verlieren.

Die Fahrmodi Turismo, Scorpion Street und Scorpion Track verändern nicht nur Leistung und Gasannahme, sondern auch die Kalibrierung des ESP. Das Umschalten dauert wie bei vielen Stellantis-Modellen knapp zweieinhalb Sekunden – eine kleine Geduldsprobe, die sich aber lohnt: Vor allem in den beiden Scorpion-Programmen fühlt sich der kompakte Stromer deutlich bissiger an.

In schnell gefahrenen Kurven profitiert der Abarth von der straffen Abstimmung, der um 25 mm abgesenkten Karosserie und dem zusätzlichen Stabilisator an der Hinterachse. Wankbewegungen bleiben dezent, die Lenkung arbeitet direkt, bietet gute Rückmeldung – passend zum sportlichen Anspruch. Auf der Autobahn zeigt sich der Skorpion souverän. Die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h wurde leicht überboten – bei 205 km/h war auf dem Tacho Schluss. Auch bei diesem Tempo bleibt der Abarth 600e ruhig, liegt sicher auf der Straße und vermittelt in den Sabelt-Schalensitzen ein gutes Gefühl.

Allerdings gibt es auch Kritikpunkte. So fehlen Schaltpedale zur Anpassung der Rekuperationsstufen – wer den Rekuperations-Modus aktivieren will, muss dafür einen kleinen Taster mit der Aufschrift „B“ neben den Fahrprogrammen drücken. Fein dosiertes Fahren im Stadtverkehr ist ebenfalls nicht die Stärke des Scorpionissima. Es braucht viel Gefühl im rechten Fuß, um etwa konstant 50 km/h zu halten, da die Abstimmung auf sportlichen Vortrieb ausgelegt ist. Noch herausfordernder wird es in Tempo 30-Zonen. Da hilft dann nur der Tempomat.

Das Raumgefühl überrascht: Dank clever ausgeformter Vordersitzschalen bietet selbst die zweite Sitzreihe ausreichend Platz für Erwachsene. Nicht für die Langstrecke, aber zumindest für Fahrten im urbanen Alltag. Weniger überzeugend wirkt hingegen das Cockpit-Material – viel Hartplastik dominiert den Innenraum. Auch die Bedienung der Software verlangt Einarbeitung. Wer sich durch die Menüs klickt, braucht Geduld. Die Bedienlogik könnte intuitiver sein, besonders in einem Auto, das fast 50.000 Euro kostet.

Der Verbrauch pendelte sich nach 53 Kilometern über Landstraße, Stadt und Autobahn bei 21,5 bis 23,5 kWh pro 100 km ein – angesichts der eher dynamischen Fahrt ein vertretbarer Wert. Zur WLTP-Angabe von 322 km Reichweite dürfte es bei sportlicher Fahrweise dennoch schwer werden. Andreas Mayer, Brand Director Fiat & Abarth, zeigte sich dennoch zuversichtlich: „Wenn wir beim 600e ähnliche Zahlen wie beim Abarth 500e erreichen, also einen niedrigen vierstelligen Bereich, sind wir zufrieden“, bezogen auf die Absatzziele der Marke.

Der Abarth 600e Scorpionissima ist kein Allrounder – aber genau das wird Fans freuen. Denn auch elektrisch bleibt der Skorpion ein Auto für Individualisten mit Benzin im Herzen und Strom im Akku.


Disclaimer: Der Abarth 600e wurde uns für diesen Testbericht kostenfrei für einige Stunden im Rahmen eines Presseevents von Abarth zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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