Gen-Z-Popstar entfacht Debatte: Leben Eltern in der Hölle?
Gen-Z-Popstar Chappell Roan glaubt, dass Kinder "die Hölle" sind. Keine ihrer Mama-Freundinnen wirke glücklich, bloß müde, ausgelaugt und leer. Damit entfachte sie jetzt eine Debatte. Alles halb so wild, findet unsere Autorin.

Gen-Z-Popstar Chappell Roan glaubt, dass Kinder "die Hölle" sind. Keine ihrer Mama-Freundinnen wirke glücklich, bloß müde, ausgelaugt und leer. Damit entfachte sie jetzt eine Debatte. Alles halb so wild, findet unsere Autorin.
Falls ihr es noch nicht mitbekommen haben solltet, weil ihr selbst keine Kinder habt und auch kein Social Media: „Kinder sind die Hölle und glückliche Eltern gibt es nicht!“ Das behauptet zumindest die millardenfach gestreamte Gen-Z-Musikerin Chappell Roan, 27. Im US-Podcast "Call Her Daddy" spricht die Grammy-Gewinnerin darüber, dass all ihre Freundinnen, die Kinder haben, "in der Hölle stecken": Sie hätte "echt noch nie" Eltern getroffen, die glücklich und deren Augen nicht tot seien oder die ausgeschlafen hätten.
Unsolidarische Verräterin oder herrlich ehrlich?
Damit löste Roan (größter Hit: "Good Luck, Babe!") eine hitzige Debatte aus. Darf sie so etwas als kinderfreie Frau überhaupt sagen? Ist das nicht Verrat an ihren Freundinnen mit Kindern, die sich womöglich in einem schwachen Moment bei ihr ausgeheult haben? Oder steckt in der Aussage doch mehr Wahrheit, als wir Eltern uns eingestehen wollen?
Meine spontane Reaktion? Ich musste schmunzeln und dachte: Sie hat schon auch recht. Und das sage ich als Mutter eines entzückenden kleinen Jungen.
Ja, der Alltag mit Kindern kann ab und zu höllisch sein. Diese Woche zum Beispiel, als mein Sohn an Magen-Darm litt, ich selbst erkältet war. Unsere Wohnung fühlte sich an wie Knast und Quarantäne zugleich. Nebenbei versuchte ich, zu arbeiten. Teilweise mit meinem Sohn im Trekking-Rucksack auf dem Rücken, weil er so anhänglich war. Dann wurde auch noch mein Mann krank.
Seit der Geburt unseres Sohnes vor 16 Monaten kann ich vieles von dem, was ich liebe, nicht mehr machen: spontan und weit verreisen, Party machen, ins Yogastudio gehen, (genug) Kunst und Literatur genießen oder Sex haben. Das Ding ist: Es macht mir nichts aus. Weil ich all das freie Leben ausreichend genossen habe. Heute muss ich jede Sekunde Me-Time mit meinem Mann härter verhandeln als Merz und Co. den Koalitionsvertrag – aber wenn es dann so weit ist und ich mit meiner Freundin einmal im Monat in der Weinbar sitze, dann ist das für uns wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.
Ich dachte mit 27 genauso wie sie
Ein bisschen erkannte ich mich auch selbst in Chappell Roan wieder. Mit 27 dachte ich auch noch nicht im Traum über Kinder nach, wollte wie sie lieber Kunst machen, auf der Bühne stehen, schreiben. War ich damals glücklicher als heute? Nein. Oft verspürte ich eine innere Unruhe, weil mir etwas fehlte und es mir Angst machte, diese eine Sache vielleicht nie zu bekommen: ein Kind. Damit will ich nicht sagen, dass es jeder so geht!
Erst zehn Jahre später, mit 37, wurde ich Mutter. Nun, da ich weiß, wie hart der Familienalltag manchmal sein kann und welche Opfer er mir abverlangt, bin ich froh, dass ich in meinen 20ern und frühen 30ern im Hedonismus versunken bin. Dadurch habe ich heute nie das Gefühl, irgendwas zu verpassen.
Schonmal überlegt, warum dir deine Freundinnen nur die Horrorstories erzählen?
Nein, Kinder sind nicht die Hölle, liebe Chappell Roan. Ich denke, wir alle landen von Zeit zu Zeit in verschiedenen "Höllen". Ein stressiger Familienalltag kann eine davon sein. Meistens ist aber das System das Problem, nicht das Kind: Viele Eltern sind erschöpft, weil es in unserer Gesellschaft an Unterstützung mangelt und meist Mütter unter der Doppelbelastung, dem Gender-Care-Gap oder Diskriminierung im Jobumfeld leiden.
Vielleicht berichten dir deine Freundinnen auch nicht so häufig von den schönen Momenten, weil das Schlechte sich oft besser erzählt. "Ich war gerade eine Woche mit krankem Kind zu Hause – willkommen in der Hölle" rutscht uns schnell mal raus, schneller als eine kitschige Liebeserklärung. Wenn man schwärmt, wie schön es auch sein kann, dass die kranken Kleinen sich jede Nacht ganz dicht an uns kuscheln. Man weiß schließlich nie, welche Gefühle das beim Gegenüber auslösen kann.
Ich erzähle meinen Singlefreundinnen auch nicht permanent, wie glücklich ich mit meinem Mann bin, mit welchen kleinen Gesten er jeden Tag mein Herz berührt und wie gerne ich verheiratet bin. Ich erzähle ihnen lieber eine witzige Anekdoten darüber, was er neulich wieder verpeilt hat. Damit sie sich besser fühlen.
Wir müssen aufhören, uns gegenseitig abzuwerten
Feminismus bedeutet, dass jede von uns die Freiheit haben sollte, das zu tun, was sie möchte. Dazu gehört auch, liebe Chappell Roan, die Entscheidungen und Lebenswelten der anderen nicht abzuwerten. Denn ich wette, der Job als nonstop um die Welt jettende, von aller Welt bewertete und (vor allem innerhalb der LGBTQ-Community für ihre Drag-Kunst) kritisierte, permanent unter Erfolgsdruck stehende Popsensation hält auch oft genug "Höllen" bereit.