Soziales Rezept: Gesund werden mit der Nicht-Medizin

Manchmal können Medikamente oder andere medizinische Maßnahmen allenfalls Symptome lindern. Ein neuer Lösungsansatz wird jetzt europaweit getestet. Was es mit dem „Sozialen Rezept“ auf sich hat.

Mär 26, 2025 - 13:17
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Soziales Rezept: Gesund werden mit der Nicht-Medizin

Manchmal können Medikamente oder andere medizinische Maßnahmen allenfalls Symptome lindern. Ein neuer Lösungsansatz wird jetzt europaweit getestet. Was es mit dem „Sozialen Rezept“ auf sich hat.

Wenn kein Virus oder Bakterium einen Infekt ausgelöst hat; wenn kein Gendefekt den Organismus einschränkt; wenn kein Unfall zu Verletzungen geführt hat oder Zellen entartet sind – wir aber dennoch Schmerzen oder Krankheiten bekommen, dann gerät unser Gesundheitssystem an seine Grenzen. Denn auch soziale Umstände wie Einsamkeit, zwischenmenschliche Probleme oder finanzielle Sorgen können krank machen. Diese Auslöser bleiben in aller Regel aber unberücksichtigt und folglich auch unbehandelt.

Aus dem englischen Gesundheitssystem stammt ein neuartiger Lösungsansatz: „Social Prescribing“ (SP), zu deutsch: das Soziale Rezept. In Deutschland läuft dazu seit Kurzem ein Modellprojekt unter Federführung der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Nun wurde ein europaweites Forschungsprogramm gestartet, das in den kommenden fünf Jahren die Wirksamkeit dieses Angebotes untersuchen soll.

Gesundheit benachteiligter Gruppen stehen im Fokus

Das Soziale Rezept soll die Lücke schließen zwischen hausärztlicher Versorgung und dem Zugang zu anderen, nichtmedizinischen Versorgungsdiensten vor Ort. "Es gibt sehr viele Hilfsangebote, die oft nicht bekannt sind, oder zu denen die Menschen allein den Zugang nicht finden", erklärt Dr. Benjamin Senst von einer am Modellprojekt teilnehmenden Hausarztpraxis in Brandenburg an der Havel.

Häufig liegt der Ursprung von körperlichen oder auch seelischen Beschwerden im sozialen Bereich. Umstände wie zum Beispiel Einsamkeit, Probleme bei der Arbeit oder in der Familie sowie finanzielle Sorgen können die Gesundheit massiv beeinträchtigen. Zu den Symptomen, die sich daraus entwickeln können, zählen zum Beispiel Schlafstörungen, Nacken-, Rücken- oder Kopfschmerzen, Hautprobleme. Gerade Frauen hören in einer solchen Situation häufig den sicher gut gemeinten, aber letztlich nutzlosen ärztlichen Rat, doch mehr zu entspannen oder sich regelmäßig an der frischen Luft zu bewegen. Schlimmstenfalls bekommen sie aus lauter Hilflosigkeit ein Schmerz- oder Beruhigungsmittel verschrieben. So bleibt der Auslöser unangetastet, dafür gerät die Betroffene jedoch in eine Abhängigkeitsgefahr. 

Hier setzt Social Prescribing an: In einem solchen Fall würden Hausärzt:innen ein soziales Rezept für die Patientin oder den Patienten  ausstellen. Das ist nichts anderes als eine Überweisung an geschultes Fachpersonal, die sogenannten Link Worker. Und so läuft laut Charité das Ganze ab:

Dieser Link Worker erhebt die individuelle Bedürfnisse der Patient:innen, verständigt sich mit diesen auf Ziele und entwickelt gemeinsam mit ihnen einen Aktionsplan. Im Rahmen dieses Aktionsplans werden die Patient:innen an vorhandene lokale Angebote und Organisationen weitervermittelt. Der Link Worker stellt sicher, dass die Patient:innen diese lokalen Angeboten wahrnehmen und meldet an die behandelnden Hausärzt:innen zurück, an welche Angebote weitervermittelt wurde. Die Tätigkeit des Link Workers erstreckt sich pro Patient:in im Regelfall über mehrere Sitzungen über den Verlauf einiger Wochen.

Ein lokales Hilfsangebot kann ein Malkurs, die Vermittlung an eine Laufgruppe oder einen Tanzverein, ein Stressbewältigungskurs oder aber der Termin bei einer Beratungsstelle sein. Das europäische Projekt konzentriert sich besonders auf Menschen, die im bisherigen System nicht gut oder gut genug aufgefangen werden, nämlich ältere Alleinlebende, queere Menschen und Geflüchtete bzw. Eingewanderte.

Unterstützt von der EU-Kommission

Das auf fünf Jahre angelegte Forschungsprojekt unter Leitung der Charité will nun in insgesamt 22 Gesundheits- und Forschungseinrichtungen in acht europäischen Ländern die einzelnen Wirkeffekte des sozialen Rezeptes wissenschaftlich genau analysieren. Man wird sehen, ob das Konzept dazu beiträgt, dass örtliche Unterstützungsangebote vermehrt genutzt und damit die Gesundheit dieser benachteiligten Risikogruppen nachweislich verbessert werden kann.

Ein vielversprechender Ansatz, der einen spürbaren Gesundheitsgewinn für viele Bedürftige bringen dürfte. Immerhin zählt in England das Soziale Rezept mittlerweile zu den zentralen Bestandteilen der Gesundheitsversorgung.