ÖGD-Professuren: der Öffentliche Gesundheitsdienst im Aufbruch [Gesundheits-Check]

Letzte Woche, vom 1. bis zum 4. April, fand in Erlangen der ÖGD-Kongress 2025 statt. Mehr als 2.500 Teilnehmer:innen aus Gesundheitsämtern und anderen Behörden sowie aus der Wissenschaft haben über aktuelle Themen der öffentlichen Gesundheit diskutiert, vom Abwassermonitoring über Hitzeaktionspläne, Sozialpsychiatrie oder Schuleingangsuntersuchungen bis zur Digitalisierung. Die Tonlage des Kongresses hat sich gegenüber den 2000er…

Apr 5, 2025 - 22:19
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ÖGD-Professuren: der Öffentliche Gesundheitsdienst im Aufbruch [Gesundheits-Check]

Letzte Woche, vom 1. bis zum 4. April, fand in Erlangen der ÖGD-Kongress 2025 statt. Mehr als 2.500 Teilnehmer:innen aus Gesundheitsämtern und anderen Behörden sowie aus der Wissenschaft haben über aktuelle Themen der öffentlichen Gesundheit diskutiert, vom Abwassermonitoring über Hitzeaktionspläne, Sozialpsychiatrie oder Schuleingangsuntersuchungen bis zur Digitalisierung.

Die Tonlage des Kongresses hat sich gegenüber den 2000er Jahren deutlich verschoben. Weniger ärztliche Berufspolitik, mehr Wissenschaft. Dies wurde bereits durch das 2018 von der Gesundheitsministerkonferenz beschlossene neue Leitbild des ÖGD angebahnt und der durch das Leitbild und dann die Coronakrise stimulierte „Pakt für den ÖGD“ hat dazu die nötigen materiellen Grundlagen geschaffen. Der Pakt hat mit vier Milliarden Euro – zunächst bis 2026 – den ÖGD nicht nur personell gestärkt und verjüngt, sondern auch die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft spürbar verbessert. Über Jahrzehnte waren ÖGD und Wissenschaft zwei Welten. Trotz vieler Lippenbekenntnisse zur Notwendigkeit einer besseren Verknüpfung von ÖGD und Wissenschaft blieb offen, ob sich daran in absehbarer Zeit viel ändert. Das galt auch im Verhältnis zu den Public Health-Lehrstühlen, die inhaltlich den Themen des ÖGD ja sehr nahe stehen. Wo es in diesem Verhältnis hingehen könnte, hatte die frühere RKI-Abteilungsleiterin Bärbel-Maria Kurth 2005 einmal hoffnungsvoll, aber mit Fragezeichen so formuliert: „Vom Fremdeln übers gegenseitige Akzeptieren zur Liebesheirat?“ Vielleicht ist es keine Liebesheirat geworden, aber ein tragfähiges Kartoffelverhältnis auf jeden Fall. Geld ist bekanntlich auch sonst mancher Beziehung förderlich.

Der „Pakt“ hat viele Forschungsprojekte stimuliert, die von Hochschulen und ÖGD gemeinsam konzipiert und durchgeführt werden. Er hat auch innovative Kooperationsformen hervorgebracht, „Forschungsgesundheitsämter“ beispielsweise, die einen engen, auch personellen Austausch mit der Wissenschaft pflegen, und es ist endlich auch zur Einrichtung von „ÖGD-Professuren“ gekommen, Professuren, die die Institution ÖGD und dessen Aufgaben als Forschungsgegenstand haben. Das ist sowohl mit Blick auf die Evidenzbasierung des Handelns im ÖGD als auch mit Blick auf Karriereoptionen im ÖGD und die Nachwuchsgewinnung gar nicht hoch genug zu bewerten. In Dresden, Leipzig und Köln sind solche Professuren schon besetzt, an weiteren Universitäten sind sie in der Pipeline. Von den ersten Ideen bis zur Umsetzung hat es fast 20 Jahre gedauert.

Bei den ÖGD-Professuren ist allerdings noch ein Weiterdenken nötig. Bisher sind sie ausschließlich an den medizinischen Fakultäten angesiedelt und von Mediziner:innen besetzt. Das ist für den Einstieg nicht verkehrt. Es ist sehr schwer, Ärzt:innen für den ÖGD zu gewinnen und sie prägen durch ihre Führungsrolle an den Gesundheitsämtern auch das Arbeitsklima dort. Mehr Wissenschaftsorientierung kann da nicht schaden. Aber der ÖGD ist ein multidisziplinäres Arbeitsfeld. Unter den Beschäftigten haben die Sozialpädagog:innen einen ähnlich großen Anteil wie die Ärzt:innen, etwa ein Fünftel. Sie nehmen u.a. wichtige Beratungsaufgaben bei sozialen Problemen der Bevölkerung wahr. Auch hier täte mehr wissenschaftliche Unterstützung not. Daher sollten auch ÖGD-Professuren an den Hochschulen eingerichtet werden, die Sozialpädagog:innen ausbilden. Ebenso wäre es sinnvoll, die eine oder andere ÖGD-Professur an den Universitäten nichtärztlich zu besetzen, z.B. mit Politikwissenschaftler:innen, Verwaltungswissenschaftler:innen, Soziolog:innen, Psycholog:innen oder Jurist:innen. Des Weiteren sollte man im akademischen Mittelbau verstärkt solche Professionen zu Forschungskooperationen mit dem ÖGD anregen.

Die ÖGD-Professuren kann man als Aushängeschilder des akademischen Aufbruchs im ÖGD sehen. Es wäre zu wünschen, wenn sie keine Scheinblüte darstellen, sondern auf Dauer bestehen. Die Arbeitsgruppe 6 „Gesundheit und Pflege“ aus Union und SPD zur Vorbereitung der Koalitionsverhandlungen hat die Weiterführung des ÖGD-Pakts empfohlen. Ein ÖGD, der evidenzbasiert und effektiv arbeitet, wäre nicht der schlechteste Beitrag für ein resilientes Gesundheitswesen, wie es der Sachverständigenrat Gesundheit in seinem Jahresgutachten 2023 fordert.