Der "volle Busch" ist zurück: Revolutioniert die Gen Z die Intimrasur?

"Kahlschlag" war einmal: Die Gen Z feiert gerade die Renaissance der üppigen Intimbehaarung. Für viele junge Frauen ist es die längst überfällige Befreiung von patriarchal geprägten Schönheitsnormen. 

Apr 5, 2025 - 11:35
 0
Der "volle Busch" ist zurück: Revolutioniert die Gen Z die Intimrasur?

"Kahlschlag" war einmal: Die Gen Z feiert gerade die Renaissance der üppigen Intimbehaarung. Für viele junge Frauen ist es die längst überfällige Befreiung von patriarchal geprägten Schönheitsnormen. 

Was wir über die Intimfrisuren anderer Menschen wissen, wissen wir aus Umkleidekabinen, der Sauna und Pornos. Einem veröffentlichten Sextape von Kim Kardashian aus 2002 ist zu entnehmen, dass die Influencerin es "unten ohne" bevorzugt und damit sicherlich auch dazu beigetragen hat, dass der sogenannte "Hollywood Cut" bis heute die häufigste Rasur bei Frauen ist. 

Glatt und haarlos wie im Porno 

Mittlerweile bereut die trendbewusste Unternehmerin, sich alle Haare weggelasert zu haben. Und die Gen Z hat weltweit das "Jahr des Buschs" ausgerufen. Unter dem Schlachtruf "Full Bush in a Bikini" feiern junge Frauen in den sozialen Medien das Ende des jahrzehntelangen (gefühlten) Rasierzwangs, um ein patriarchal geprägtes Schönheitsideal zu erfüllen. Eins, das schon viel zu lange nicht mehr hinterfragt wurde. 

Dabei ist die Diskussion um Körperbehaarung nicht neu. Die feministische "Emma"-Autorin Regula Stämpfli kritisierte bereits 2008 den "Kindermösen-Look" und dass wir irgendwann alle damit angefangen haben, „untenrum“ amerikanische Pornostars zu imitieren, die dem vermeintlichen Mainstream-Geschmack des Patriarchats entsprechen. "Ich mag es buschig", verkündete Lady Gaga bereits 2013 und präsentierte ihren wilden Wuchs auf dem Cover des "Candy"-Magazin. Das zog kurze Diskussionen mit sich, an den Haarentfernungsvorlieben der Frauen änderte sich jedoch wenig.

Gen-Z-Schlachtruf: "Full Bush in a Bikini"

Kann die Gen Z uns endlich vom Intimfrisuren-Diktat befreien, das sich – nach dem Ende der Hippie-Bewegung – durch Werbung und Modemagazine und Pornos zum Mainstream wurde? 

Die Diskussion begann vor einigen Wochen mit einer Rezension auf Etsy, wo sich eine Frau mit "vollem Busch" im Bikini zeigte. Das Foto wurde auf Social Media geteilt und löste einen Hype aus. In einem millionenfach geklickten Video jubelte die TikTokerin Sujindah: "Ich wurde von dieser Etsy-Rezension radikalisiert. Sie trägt einfach mal einen full bush in a bikini und genauso sollte es sein." 

Wie der "Busch" zum Tabu wurde

Für die Gen Z fühlt es sich an wie eine Befreiung oder ein Erweckungserlebnis: Tausende junge Frauen pflichteten Sujindah bei, fragten etwa: "Wieso enthaaren wir uns eigentlich ständig?" Das alles ist mehr als nur ein Trend. Es ist vielmehr zum feministischen Akt erwachsen, sich gegen gängige soziale Normen zu stellen und in Selbstakzeptanz zu üben. Und auch: Gegen das, was sie sich all die Jahre von ihren Millenial- und Gen-X-Müttern abgeguckt haben.

Laut einer "Statista"-Umfrage aus 2021 entfernen sich 58 Prozent der Deutschen die Haare im Intimbereich, davon 65 Prozent komplett. Bei den 18- bis 29-Jährigen lag dieser Anteil bei 76 Prozent. Gegenüber "Women’s Health" gaben 45 Prozent der Männer an, den "Hollywood Cut" bei Frauen am heißesten zu finden. In den Generationen Y und X  kennen viele Frauen es gar nicht (mehr) anders als gestutzt. Wer seinen Stil einmal gefunden hat, bleibt meist dabei. Weil es irgendwie so gehört. Ordentlich, hygienisch, übersichtlich, glatt. 

Der Kapitalismus will uns "unten ohne" sehen 

Mit dieser gefühlten Wahrheit ließ sich all die Jahre gutes Geld verdienen: Im Drogeriemarkt um die Ecke finden sich in der Abteilung "Haarentfernung & Rasur" Bikinizone-Kaltwachs-Streifen, Intim-Haarentfernungscreme, Haarentfärbungscreme, Intim-Rasiergel, "Bikini Trimmer" und vieles mehr. Gleich nebenan ist ein Waxing-Studio, etwas weiter werden Laserbehandlungen angeboten. Laut einer Mintel-Studie aus 2016 geben britische Frauen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich 2.900 Euro für Rasurprodukte aus. Der nächste Schritt sind dann ästhetisch motivierte Schönheits-OPs, um den Intimbereich noch weiter zu optimieren, indem man etwa den Venushügel absaugt, die Vulvalippen verkleinert oder die Klitorishaut strafft. 

Besteht etwa die Möglichkeit, dass einige diese Läden bald dichtmachen müssen? Mächtige Influencer und Marken sind jedenfalls "Team Bush": Ausgerechnet Kim Kardashian stattete gerade sämtliche Schaufensterpuppen ihres New Yorker "Skims"-Flagship-Stores mit üppigem Intimhaar aus. Influencerin Bianca "Bibi" Heinicke (8,2 Mio. Follower) verkündete in einem Video, sich nicht mehr rasieren zu wollen, weil sie erkannt habe, es nie für sich getan zu haben, sondern aus Angst, von anderen als "eklig" bewertet zu werden. Sie habe keine Lust mehr, sich in dieser Weise manipulieren zu lassen, um Geld für Haarentfernungsprodukte auszugeben und sich natürlich (also mit Haaren) hässlich zu fühlen. 

Noch mutiger ist die britische TikTokerin @Lydi Hairy, die selbstbewusst ihre unrasierte Bikinizone zeigt und andere ermutigt, es ihr gleichzutun. Julia Fox trug bei der New York Fashion Week Bikinihosen mit aufgedruckten Haaren. Und die Luxusmarke "Maison Margiela" schickte seine Models letztes Jahr in Seidenstrümpfen auf den Catwalk, in die dunkle Dreiecke aus menschlichem Haar gestickt waren.

Eine Mitschülerin wurde gemobbt, weil sie unrasiert war

Aus dem TikTok-Phänomen scheint gerade auch in der Offline-Welt ein ernst zu nehmendes Erwachen zu entstehen, welches das Selbstverständnis der Gen Y und X gehörig durcheinander wirbeln könnte. Zeit, Dinge zu hinterfragen, die frau eben schon immer so gemacht hat.  

Zu meiner Schulzeit wäre das alles noch nicht auszudenken gewesen: Sobald ich mit 14 den Rasierer meiner Mutter in die Finger bekam, legte ich los, wie die meisten Mädchen in meiner Klasse. Eine Mitschülerin schlug mal mit "full bush" im Schwimmunterricht auf, am nächsten Tag legte ihr jemand einen Rasierer auf den Platz. Sie weinte, wir lachten. Dabei war sie uns einen Schritt voraus, scherte sich nicht darum, was gerade "in" war oder von einem Mädchen erwartet wurde. Heute wäre sie der Hit. Sogar die US-Modebibel „Vogue“ jubelte gerade „The Bush is Back in 2025“.

Zeit für haarige Bikini-Statements

Ich kann mich nicht erinnern, wie ich als Teenagerin darauf kam, mich rasieren zu wollen, wer mich beeinflusst hat, mit 14. Aber ich wollte es ganz unbedingt. Mir war da unten zu viel los. Zu viel Gestrüpp. Kaum waren also die ersten Haare da, rasierte ich sie schon wieder weg. An den Beinen, unter den Achseln, im Intimbereich. Mal mehr, mal weniger – je nach Beziehungsstand, oft passte ich mich – just for fun –  den Vorlieben meiner jeweiligen Partner an und sie sich den meinen.

 In Umkleidekabinen schiele ich bis heute manchmal neugierig zu anderen Frauen rüber. Wie handhaben die das? Übertreibe ich? Oder mache ich zu wenig? Vielleicht wäre gerade jetzt der Moment, in dem wir mal was Neues Altes wagen!? 

Letztlich geht es nie um die Haare. Es geht darum, den eigenen Körper frei zu gestalten, ohne sich an patriarchale Ideale anzupassen. Und das darf natürlich weiterhin ein glatt gewachster Venushügel sein. Dennoch wäre dieser Sommer, in dem wir sicher noch weitere Backlashes in Sachen Frauenrechte erwarten, ein wirklich guter Zeitpunkt, um was zu riskieren – und im Freibad ein haariges Statement zu setzen.