Vom Gamer zum Aufklärer: Internetsucht: "Ich habe zitternd dagesessen und nur noch geweint"
Florian Buschmann hat sich selbst von seiner Gamingsucht befreit und klärt nun andere auf. Forscher testen derweil ungewöhnliche Methoden, um bei Abhängigkeit besser zu helfen.

Florian Buschmann hat sich selbst von seiner Gamingsucht befreit und klärt nun andere auf. Forscher testen derweil ungewöhnliche Methoden, um bei Abhängigkeit besser zu helfen.
Als er spürte, dass das, was er am meisten liebte, die Macht hatte, ihn zu zerstören, wäre es beinahe zu spät gewesen. 15 Jahre alt war Florian Buschmann damals und er gehörte zu den Topscorern beim Egoshooter "Warface". Bis zu 16 Stunden am Tag mähte er Feinde nieder oder rette Verbündete. Je mehr seine digitalen Mitkämpfer ihn bewunderten, je häufiger der Algorithmus ihn mit weiteren Waffen oder Munition belohnte, desto größer war seine Motivation zu spielen.
Streit mit den Eltern, Warnung der Lehrerin
"Ich habe alles dafür vernachlässigt", sagt Florian Buschmann heute. Seine Freunde, das Leichtathletiktraining, die Familie, die Schule. Mit seinen Eltern gab es heftigen Streit, er log sie an und verheimlichte sein obsessives Gamen, sein Vater drohte, ihm den Computer wegzunehmen, einmal zog er in seiner Wut und Verzweiflung den Stecker, doch Florian hatte Ersatzkabel im Zimmer versteckt. Eine Lehrerin warnte ihn, wenn du so weitermachst, wirst du die zehnte Klasse nicht schaffen, nicht an dem Gymnasium in Dresden, das er besuchte, aber auch an keiner anderen Schule.
Er machte weiter.
© Dominik Pfau
"Ich hatte komplett die Kontrolle verloren", sagt Florian. Die virtuelle Identität, die er aufgebaut hatte, gab ihm Selbstbewusstsein. Ein Leben ohne sie, konnte er sich nicht mehr vorstellen. Gleichzeitig litt er unter den Folgen des Gamens. Er fühlte sich leer und einsam, wenn er nicht spielte, hatte zunehmend depressive Gedanken.
Der Wunsch aufzuhören, kam ihm erstmals 2018 bei einem Schüleraustausch in Rumänien. Eine Woche unfreiwillige Abstinenz.
Mit seiner Gastfamilie und den andern Schülern sei er ständig auf Achse gewesen, sagt Florian. Wandern, Klettern, Basketball spielen, am Lagerfeuer sitzen und quatschen. "Es war cool", sagt Florian. "Wenn der Sohn meiner Gastfamilie abends an seinem Computer Facebook-Nachrichten checkte, war ich richtig traurig, und meinte, hey, können wir nicht noch etwas unternehmen." Als sei er ausgehungert gewesen nach echten Erlebnissen.
Auf der Rückfahrt im Zug sagte ein Freund, der ebenfalls exzessiv spielte, zu Florian, ich hör auf mit dem Scheiß, ich will das nicht mehr. "Ich habe mich für ihn gefreut, aber ich wusste, dass ich das nicht konnte", sagt Florian.
Erst ein Jahr später, als ihn nachts Albträume von Krieg und Tod quälten und es ihm immer schlechter ging, spürte er, dass er sein Leben verändern musste. "Ich wollte mir beweisen, dass ich die Freiheit hatte, nein zu sagen", erzählt er. Er beschloss, für einen Monat komplett auf Computerspiele zu verzichten.
Es sollte die härteste Challenge seines Lebens werden.
Sucht ist eine Erkrankung des Gehirns
Wohl nie war die Freiheit, nein zu sagen, so bedroht wie heute. Nicht nur für Menschen wie Florian, die ein ernstzunehmendes Suchtverhalten entwickelt haben.
Vermutlich kennt jeder dieses unangenehme Gefühl, dass das, was einem eigentlich viel Spaß macht, irgendwann zwanghafte Züge annehmen kann: posten, liken, chatten, scrollen, gamen, im Internet shoppen, online Pornos konsumieren, ins Fitnessstudio gehen, essen, arbeiten.
Der Grund für das alltägliche "Suchten" liegt in der Neurobiologie des Gehirns. All diese Tätigkeiten gehen – genau wie der Konsum von klassischen Drogen wie Alkohol, Amphetaminen, Nikotin – einher mit massiven Belohnungsanreizen und führen zu einer erhöhten Ausschüttung des neuronalen Botenstoffes Dopamin.
Versuche an Ratten haben gezeigt, dass etwa Schokolade essen die Dopaminproduktion um 55 Prozent steigert, Sex um 100 Prozent, Nikotin um150 Prozent und Amphetamine um 1000 Prozent.
Dr. Anna Lembke, Direktorin der Suchtklinik an der Stanford University und Bestsellerautorin, erklärt: "Dopamin ist der Stoff, der uns 'wollen' lässt und unser Verlangen steigert, der uns antreibt und zu rastlosen Suchern macht." Ohne Dopamin könnten wir nicht überleben. Doch ein Zuviel des Botenstoffes bringt unser Gehirn in große Schwierigkeiten.
Die Folgen kennt jeder. Nachts vier Stunden lang durch Instastories scrollen und am anderen Tag übermüdet zur Arbeit gehen; das ganze Wochenende auf Chess-Plattformen seine Kräfte messen, statt für die Uni zu lernen, und deshalb eine Klausur vermasseln; sinnlos oft die Wetterapp checken; so viel online shoppen, dass das Konto leer und der Kleiderschrank viel zu voll ist.
Der Kontrollverlust ist einerseits Teil skrupelloser Geschäftsmodelle der großen Techkonzerne. Maßlos viel Zeit auf Social Media zu verbringen, bedeutet maßlos viel Geld für die Betreiber. Andererseits hat der Kontrollverlust auch eine tragische Seite: Unser Gehirn ist einfach miserabel angepasst an eine Welt des Überflusses und der ständigen Belohnungen.
Neurowissenschaftler und Suchtmediziner betrachten Abhängigkeit deshalb auch zunehmend als Erkrankung des Gehirns und forschen an Therapien, mit denen sich das Denkorgan besser vor der alltäglichen Dopamin-Flut schützen lässt.
Mit Hirnstimulation den Willen stärken
Ein Ansatz ist es beispielsweise, den präfrontalen Cortex zu stärken, also jene Hirnregion, die uns hilft, Impulse zu kontrollieren, und die uns warnt: Hey, jetzt fühlt sich das vielleicht geil an, aber morgen wird es wehtun. Bei Kindern ist diese Region noch nicht vollständig entwickelt, weshalb es ihnen besonders schwerfällt, Belohungen zu widerstehen.
Dienstagmorgen, zehn Uhr, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Manuel Richter*, 48, ein großer, kräftiger Mann mit sorgfältig getrimmtem, grauem Bart, sitzt in einem Labor des ZI am Computer. Auf dem Bildschirm vor ihm segeln in schneller Folge Buchstaben und Ziffern herab, F, D, 7, 3. Einige sind um die Achse gedreht, andere gespiegelt. Der Unterschied ist nur schwer zu erkennen. Richter soll immer dann auf die Control-Taste drücken, wenn die Buchstaben und Ziffern nicht gespiegelt sind. Eine fiese Aufgabe, auf die er sich voll konzentrieren muss.
Mit diesem und weiteren Tests werden kognitive Funktionen untersucht: Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität, Impulskontrolle. Danach erhält Manuel Richter an drei Tagen für jeweils 20 Minuten eine transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), mit der sein präfrontaler Cortex angeregt werden soll. Abschließend werden bei ihm und den anderen Teilnehmenden die Tests vom ersten Tag wiederholt und geschaut, ob die Resultate sich verbessert haben.
"Es gibt erste gute Hinweise, dass die Stärkung des präfrontalen Cortex durch tDCS Menschen mit Suchterkrankungen hilft, Rückfällen vorzubeugen", sagt Sabine Vollstädt-Klein, Professorin für Neurowissenschaften am ZI und Leiterin der Abteilung Neuroimaging. Nun sammelt sie in einer Studie mit insgesamt 162 Probanden Daten, die die Wirksamkeit der Gleichstromstimulation nachhaltig belegen sollen. Bei Rauchern, sagt Vollstädt-Klein, habe man bereits sehr gute Ergebnisse gesehen. "Teilnehmer haben nach der Behandlung deutlich weniger Zigaretten konsumiert."
Aber auch Schachtraining, so hat sie zusammen mit einem spanischen Kollegen herausgefunden, kann vermutlich helfen, den präfrontralen Cortex zu stärken. Vollstädt-Klein hat eigens einen Schachtrainer angeheuert, der einmal die Woche ins ZI kommt. Es geht nicht darum, aus den Patienten Großmeister zu machen, sondern darum, dass sie lernen, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren oder ihr Gedächtnis zu stärken – indem sie sich etwa an bestimmte Aufstellungen, die der Trainer nur kurz zeigt und seine Patienten dabei auch noch ablenkt, erinnern.
Manuel Richter nimmt auch an dem Schachtraining teil. Im vergangenen Dezember hat er, erfolgreicher Software-Berater und ehrgeiziger Triathlet, nach fünf Jahren Alkohol-Abstinenz einen Rückfall erlitten. Wenn er davon erzählt, sieht man ihm die Trauer und die Verzweiflung an. Eigentlich, sagt er, wollte er mit seinem Sohn Anfang des Jahres anfangen, sämtliche Bundesligastadien in Deutschland zu besuchen. Nun wird er am ZI behandelt. Die Freiheit, nein zu sagen, muss er sich mühselig zurückerobern.
Doch während es bei den stoffgebunden Süchten wie Alkoholabhängigkeit Behandlungsangebote über die verschiedenen Stadien hinweg gibt, sieht das bei den Verhaltenssüchten ganz anders aus. "Hier gibt es praktisch noch keine Prävention und Frühintervention", sagt Anne-Kathrin Klemm, Vorständin beim Dachverband der Betriebskrankenkassen. Die Versorgungslücke müsse dringend geschlossen werden.
Auch Online-Therapie hilft
Und tatsächlich entwickeln Wissenschaftler ermutigende Konzepte. So wurde gerade erst eine Studie abgeschlossen mit 962 Teilnehmenden im Alter von 16-64 Jahren, die Symptome einer leichten bis mittleren "Internetnutzungsstörung" aufwiesen. Die Betroffenen litten unter Problemen wie Vereinsamung, Isolation, depressiven Verstimmungen, Schlafstörungen, Konzentrationsdefiziten, Antriebslosigkeit, Schulabbruch. Eine Gruppe erhielt das volle Therapieprogramm: von der eigens programmierten App über eine Telefonberatung bis zu einer 15-wöchigen Online-Therapie. Die Vergleichsgruppe erhielt lediglich Informationen über Hilfen bei problematischem Verhalten.
In der Gruppe mit Therapie zeige sich ein deutlicher Rückgang der Suchtproblematik. "Wir haben beispielsweise gefragt, wie häufig Betroffene im vergangenen Monat in ihrem Alltag beeinträchtigt waren, also nicht zur Schule gegangen sind oder ihre Arbeit nicht geschafft haben, und das ging um bis zu 50 Prozent zurück“, sagt Hans-Jürgen Rumpf, Professor für Psychologie an der Universität Lübeck. Scavis nennt sich das dreistufige Therapiekonzept: Stepped Care Ansatz zur Versorgung Internetbezogener Störungen.
Als Florian Buschmann vor sieben Jahren beschloss, mit dem Computerspielen aufzuhören, hatte er keinerlei Zugang zu Therapien. Er habe einen kalten Entzug gemacht, zitternd zu Hause gesessen und nur noch geweint, sagt er. "Besonders weil ich verstanden habe, wie viel ich durch meine Sucht verloren hatte."
Nach etwa zwei Wochen habe er jedoch leichte Verbesserungen gespürt und als er die 30 Tage geschafft hatte, verlängerte er auf 60 Tage. Dann auf 90 Tage. Inzwischen hat er seit sieben Jahren nicht mehr gespielt und bietet in Schulen Workshops zur Prävention von Mediensucht an. Im vergangenen Jahr hat er mit seiner Initiative "OFFLINE HELDEN" insgesamt 500 Veranstaltungen mit mehr als 13.000 Teilnehmenden ab der ersten Klassenstufe durchgeführt. "Wenn ich die Kinder in den Klassen frage, wer von euch verbringt zu viel Zeit auf Social Media, zeigen 80 Prozent auf. Die wissen genau, dass ihr Verhalten riskant ist, aber sie können es allein nicht regulieren."