VfB Stuttgart zwischen den Welten: Die fetten Jahre sind noch nicht vorbei
Mit dem Gewinn des DFB-Pokals könnte der VfB Stuttgart seine Saison retten. Kurios: Alle wissen, warum es in der Liga nicht läuft. Und gleichzeitig hat keiner einen blassen Schimmer.

Die Erklärungen sind vielfältig: Hoeneß wechselt zu spät, Hoeneß wechselt zu früh, Hoeneß wechselt falsch, Undav isst Döner, Undav macht Schokoladenwerbung, Undav kauft einen Rolls-Royce, zu viel woker Quatsch, zu wenig Taktik, zu viel Taktik. So geht es immer weiter in der nicht ganz ernstgemeinten Fehleranalyse, der der VfB-Stuttgart-Blog vertikalpass.de vor dem DFB-Pokal-Halbfinale veröffentlicht hatte. Insgesamt 20 Gründe für den aktuellen Negativlauf hatten die Autoren ausgemacht, die sich teils gegenseitig ausschlossen, und trotzdem alle in den letzten Wochen so oder so ähnlich rund ums Neckarstadion zu vernehmen waren.
Der VfB Stuttgart ist Tabellenelfter. Seit Jahresbeginn hat die Mannschaft von Sebastian Hoeneß nur drei Siege in der Bundesliga eingefahren, die Qualifikation für das europäische Geschäft ist in weite Ferne gerückt. Die Saison? Im Eimer. So schien es zumindest bis Mittwochabend.
Denn der Verein ist Opfer seines eigenen Erfolgs. Als Sebastian Hoeneß im April 2023, vor exakt zwei Jahren, seine Arbeit in Stuttgart aufnahm, war davon noch keine Rede. Der VfB kämpfte um den Klassenerhalt, im Umfeld sprach man vom „Verein für Baustellen“ – was nur am Rande mit dem Stadionumbau zu tun hatte. Hoeneß kam, um den Verein zu retten. Vor dem drohenden dritten Abstieg in sieben Jahren, aber auch vor einem tristen Image. Durch ständige Rotation auf allen wichtigen Positionen war der VfB zu einem farblosen Etwas mutiert.
Zwischen Schachzug und Risiko
Nur ein Jahr später gehörte der VfB zum aufregendsten Scheiß, den der deutsche Fußball zu bieten hatte, lieferte sich Duelle mit großen Mannschaften aus München und Leverkusen und fand sich wenig später in der Champions League wieder. Mit den Erfolgen wuchsen die Erwartungen, vor allem aber das Mannschaftsgefüge. Und die Begehrlichkeiten. Erst im März verkündete Florian Plettenberg in der Werbepause des Doppelpass, in dem er neben Stuttgarts Sportvorstand Fabian Wohlgemuth saß, via Twitter, dass RB Leipzig im Sommer Marco Rose durch Sebastian Hoeneß ersetzen wolle. Eben erst hatte Wohlgemuth dieses Gerücht im Fernsehen dementiert. Und sollte Recht behalten. Hoeneß verlängerte wenige Tage später seinen Vertrag in Stuttgart.
Es schien, als habe der VfB Stuttgart die jüngere Durststrecke genutzt, und Hoeneß – angeblich von München über Manchester umworben – von einem neuen Vertrag überzeugt. Es heißt, hierbei habe der Klub seinem Trainer auch eine Ausstiegsklausel abgekauft, die es im vormals gültigen Kontrakt gab. Ein geschickter Schachzug. Und ein Risiko.
Das Horrorszenario
Schließlich drohte den Stuttgartern vor Mittwoch noch, was schon andere Vereine ereilte, wenn sie sich nicht erneut für das internationale Geschäft qualifizieren konnten und die Verantwortlichen auf einen dafür vorgesehenen, leicht aufgeblähten Kader blickten. Würde der VfB Stuttgart, der die Saison im Mittelfeld abgeschlossen hatte, im Sommer mehrere Leistungsträger abgeben müssen? Würden sich die Undavs, Stillers, Woltemades, Nübels mit einer Saison ohne internationale Bühne zufriedengeben? Würden alle Gehälter bezahlt werden können? Oder könnten die Leistungsträger bei einem guten Angebot gehen? Und wie konkurrenzfähig wäre der neue Kader? Würde Sebastian Hoeneß wieder eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen können? Oder würde man ihn nach einem schwachen Saisonstart und durchwachsenen Leistungen um den zwölften Spieltag herum – trotz all der Verdienste, keine Frage, man sei ja sehr dankbar, aber wie gesagt: die Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts – vor die Tür setzen müssen? Tut uns leid, die fetten Jahre sind vorerst vorbei. Um sich im Anschluss die Vorwürfe der Fans, wenn auch nicht aller, aber all jener, die jetzt gerade mosern, über Wechsel, Döner, Rolls-Royce und so weiter, gefallen zu lassen, man habe im Frühjahr ohne Not mit Sebastian Hoeneß verlängert, der jetzt einen teuren Vertrag aussitzen kann? Tja, Fußball wird eben immer von hinten erzählt.
Es hätte den Funktionären wohl nicht genutzt, zu erklären, dass all das aus einer unerklärlichen Negativspirale zu Beginn des Kalenderjahres hervorging. So viele Argumente, wie für die aktuelle Sieglos-Serie in der Liga auch gefunden werden können – Wechsel, Taktik, Döner, Rolls-Royce – wirklich stichhaltig sind sie alle nicht. Blickt man auf die Statistik der Expected Goals und verknüpft sie mit den Zahlen der Expected Goals Against, also wie die Tordifferenz nach Wahrscheinlichkeitsstatistik lauten müsste, so wäre der VfB Stuttgart aktuell nicht Elfter, sondern Tabellenfünfter. Auf Tuchfühlung zur Champions League. Man könnte also auch sagen: Der VfB Stuttgart hatte in dieser Saison vor allem eines: sehr viel Pech. Und da sind die unzähligen Verletzungen und Last-Minute-Gegentore noch gar nicht einbezogen.
Wie gut, dass der VfB am Mittwochabend gegen RB Leipzig gewonnen hat. Auch wenn die Stuttgarter dabei ein Übermaß an Glück (Stiller: „Den Ball treffe ich in meinem Leben nie wieder so“) und Effizienz an den Tag legten, das ihnen im Verlauf dieser Saison oftmals abhanden ging. Nun aber haben die Stuttgarter die realistische Chance, mit einem Sieg im Pokalfinale gegen den Drittligisten Arminia Bielefeld in die Europa League einzuziehen und damit die Saisonbilanz zu retten.
Dann dürfte der Kader punktuell verstärkt werden, Sebastian Hoeneß an seiner Spielidee schrauben, feinjustieren, denn zum Glück wurde er im Frühjahr mit einem neuen Arbeitspapier ausgestattet, um den zwölften Spieltag herum von der Tabellenspitze grüßen, die Funktionäre als weitsichtige Macher einer neuen Großmacht im deutschen Fußball gefeiert werden, dann dürfte man vom Gewinn des Europapokals träumen, wieder von der Champions League. Dann wären die fetten Jahre noch nicht vorbei. Man würde Döner essen, Rolls Royce kaufen, Wechsel, Taktik, alles richtig. Weil der Fußball eben immer von hinten erzählt wird.