Sexualisierte Gewalt im Fußball durch Spielerberater: „Buchse runter!“

Ein einflussreicher Spielerberater soll minderjährige Fußballer in mehr als hundert Fällen intim berührt haben. Das zeigen Recherchen von CORRECTIV. Einige der Betroffenen spielen heute im Profibereich.

Mär 26, 2025 - 10:25
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Sexualisierte Gewalt im Fußball durch Spielerberater: „Buchse runter!“

Unter dem Vorwand sportmedizinischer Untersuchungen soll ein prominenter Spielerberater ihm anvertraute Teenager über Jahre immer wieder im Intimbereich berührt haben. Das zeigen Recherchen von CORRECTIV. Elf Spieler berichten darin unabhängig voneinander über ihre Erfahrungen. Einige von ihnen sind heute im Profifußball aktiv, auch in der Bundesliga. Mehrere haben eidesstattliche Versicherungen unterzeichnet.

Die Spieler berichten übereinstimmend von Nacktbehandlungen im Büro des Beraters. Sie hätten Übungen absolvieren müssen, bei denen sie immer wieder an intimen Stellen berührt worden seien. N., wie der Berater in der Recherche genannt wird, habe diese Untersuchungen als Routine zu normalisieren versucht. Dabei verwendete er fordernde Phrasen wie „Buchse runter!“ oder stellte vor einer Berührung die Frage: „Darf ich?“. Dann sollen die sich regelmäßig wiederholenden Berührungen im Intimbereich stattgefunden haben. N. habe sich bemüht, große Nähe zu seinen Schützlingen aufzubauen, immer wieder habe er seine guten Verbindungen betont.

N. selbst weist sämtliche Vorwürfe gegenüber CORRECTIV zurück: „Ich behandle niemanden sportmedizinisch, ich bin kein Arzt.“ In einer schriftlichen Stellungnahme distanziert er sich von dem Vorwurf, es habe „gezielte Berührungen im Intimbereich“ gegeben.

Zudem berichten einige Spieler, N. habe eine Stoßwellentherapie angewendet. Ein erkennbarer Grund für diese angeblichen Behandlungen habe nicht vorgelegen. Diese Therapieform ist Privatpersonen streng untersagt. Konkrete Fragen von CORRECTIV zu dieser Therapie ließ N. unbeantwortet.

Seit Ende der Neunzigerjahre im Jugendbereich aktiv

N. arbeitet für eine namhafte Spielerberateragentur. Diese betreut zahlreiche Spieler, darunter ehemalige und aktuelle Nationalspieler. Er hat eine einflussreiche Position inne und ist insbesondere für den medizinischen Bereich und den Nachwuchs zuständig. „Nach unseren Überprüfungen in den letzten Tagen finden wir für Ihre Vorwürfe keinen Anhaltspunkt“, schreibt ein Geschäftsführer der Agentur zu den Vorwürfen auf CORRECTIV-Anfrage.

Im Jugendbereich ist N. bereits seit Ende der Neunzigerjahre tätig, zunächst als „pädagogischer Leiter“ auf Vereinsebene. Mindestens 40 Spieler, die er betreut hat, spielten beim Drittligisten SpVgg Unterhaching. „Dass minderjährige Spieler nackt untersucht wurden, war nicht Thema“, sagt ein Sprecher des Vereins auf Nachfrage. Mit ihren Eltern hätten sie nicht über N. und seine Behandlungen gesprochen, sagen die Spieler selbst.

Im Nachwuchsleistungsbereich sind Talente besonders abhängig von der Personen, die ihren Werdegang betreuen. Dazu zählen auch Berater. Diese Verhältnis, so legen die Recherchen von CORRECTIV nah, habe N. gezielt ausgenutzt, indem er Teenager in über hundert Fällen unter dem Vorwand einer sportmedizinischen Behandlung wiederholt im Intimbereich berührt habe.

„Nach den Berichten scheint offensichtlich, dass hier das besondere Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen Spielern und Berater bestanden hat, ausgenutzt wurde“, sagt die Fachanwältin für sexualisierte Gewalt, Christina Klemm, die CORRECTIV nach dem Sachverhalt befragt hat. Sollten die Vorwürfe zutreffen, könnten sie unter den Aspekten „der sexuellen Nötigung, der sexuellen Belästigung oder der Körperverletzung“ relevant sein. Laut CORRECTIV lägen derzeit weder Anzeigen gegen N. vor, noch gebe es staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Der Fall N. ist kein Einzelfall. Immer wieder werden im Nachwuchsfußball Vorwürfe sexualisierter Gewalt laut. Im vergangenen Jahr wurde ein Fußballtrainer zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, weil ihm sexuelle Gewalt in mehr als 600 Fällen vorgeworfen wurde.

DFB zögerlich bei Schutzkonzepten

Nicht nur Vereine, auch der DFB tut sich schwer, Jugendliche wirksam vor Übergriffen zu schützen. Den „Safe Sport Code“, ein einheitliches Regelwerk, das einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen im Vereinssport gewähren soll, lehnte der DFB als einziger Verband im Deutschen Olympischen Sportbund im Dezember 2024 ab. Auch bei der wirksamen Sanktionierung von Vergehen hakt es. Zum einen sieht „Safe Sport Code“, im Gegensatz zum aktuellen DFB-Rechtssystem, eine strengere Überwachung der Aktivitäten von Beratern vor. Zum anderen könnten auch Verstöße unterhalb der strafrechtlichen Schwelle geahndet werden.

Andere Aktivitäten des Spielerberaters N. fallen weniger in den Bereich des DFB: Seit über 20 Jahren engagiert er sich im Kinderschutz. Nach eigenen Angaben hat er Ende der Neunzigerjahre eine bundesweite Kinderschutzhotline ins Leben gerufen. Diese wurde nicht nur mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet, aus der Initiative heraus gründete N. im Jahr 2014 auch einen Förderverein. Zudem engagierte er sich bei einem Münchner Verein, zu dessen Angebot die Beratung junger Menschen zählt, die in Kontakt mit sexualisierter Gewalt gekommen sind.