Schriftliche Spuren: Mittelalterliche Manuskripte: Frauen waren als Schreiberinnen aktiver als gedacht
Mönche galten lange als die einzigen Bewahrer und Übermittler des Wissens. Doch eine neue Studie offenbart, dass in ihrem Schatten auch Schreiberinnen eine bedeutende Rolle spielten

Mönche galten lange als die einzigen Bewahrer und Übermittler des Wissens. Doch eine neue Studie offenbart, dass in ihrem Schatten auch Schreiberinnen eine bedeutende Rolle spielten
Eine Studie aus Norwegen, jüngst in der Zeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht, wirft ein neues Licht auf die Rolle der Frauen im Mittelalter. Laut den neuesten Forschungen der Universität Bergen könnten Frauen häufiger als bislang angenommen als Schreiberinnen tätig gewesen sein. Diese Entdeckung passt in eine Reihe von Erkenntnissen, die die traditionelle Sichtweise auf die mittelalterliche Gesellschaft infrage stellen.
Mindestens jede hundertste Mittelalterschrift von Frauen verfasst
Die Studie, die sich auf die Analyse mittelalterlicher Manuskripte konzentriert, legt nahe, dass mindestens jede hundertste Schrift aus dieser Zeit eine weibliche Handschrift trägt. Dies ist ein bemerkenswerter Befund, da die Schreibkunst im Mittelalter als exklusive Tätigkeit von Mönchen und Gelehrten angsehen wurde.
Die Forscherinnen und Forscher der Universität Bergen untersuchten mittelalterliche Kolophone – Schlussnotizen, in denen sich die Schreiberinnen und Schreiber damals verewigten –, die eindeutig weibliche Namen oder Selbstbezeichnungen enthielten. Das bedeutet, dass die tatsächliche Zahl der weiblichen Schreiberinnen noch höher sein könnte.
Historischer Kontext
Im Mittelalter waren Klöster und religiöse Einrichtungen Zentren der Buchproduktion. Frauen, insbesondere Nonnen, spielten hier eine bedeutende Rolle. Sie nutzten diese Einrichtungen als Enklaven für literarische Selbstentfaltung und Gelehrsamkeit. Die sogenannte Nonnenmystik, die in Klöstern entstand, zeigt, dass Frauen eine eigene literarische Ausdruckskultur entwickelten.
Ein herausragendes Beispiel für eine weibliche Autorin und Schreiberin des Mittelalters ist Christine de Pizan (1364–1430). Sie gilt als eine der ersten Frauen, die von ihrer schriftstellerischen Arbeit leben konnten. In einer Zeit, in der Bildung und Literatur weitgehend den Männern vorbehalten waren, schrieb sie zahlreiche Werke, darunter "Das Buch von der Stadt der Frauen", in dem sie für die intellektuellen Fähigkeiten und die gesellschaftliche Bedeutung von Frauen eintrat. Ihre Schriften sind ein Beweis dafür, dass Frauen nicht nur als Schreiberinnen, sondern auch als eigenständige Autorinnen und Denkerinnen Einfluss nahmen.
Neben schriftlichen Quellen gibt es auch archäologische Hinweise auf die Beteiligung von Frauen an der Herstellung mittelalterlicher Handschriften. So wurde in Deutschland beispielsweise im Jahr 2019 das Lapislazuli-Pigment im Zahnstein einer Frau gefunden, die um 1000 n. Chr. lebte. Dies deutet darauf hin, dass sie als Illustratorin an der Erstellung wertvoller religiöser Texte beteiligt war.
Frauen prägten die Buchkultur des Mittelalters
Die jüngsten Forschungsergebnisse aus Norwegen und Deutschland legen nahe, dass Frauen im Mittelalter eine bedeutendere Rolle als Schreiberinnen und Künstlerinnen spielten, als bisher angenommen. Sie ändern unser Verständnis von der mittelalterlichen Gesellschaft und zeigen, dass Frauen nicht nur passive Empfängerinnen von Bildung waren, sondern aktiv an der Erstellung und Verbreitung von Wissen beteiligt.
Die Entdeckungen tragen dazu bei, das Bild der mittelalterlichen Frau zu nuancieren und ihre Beiträge zur Kultur und Wissenschaft des Mittelalters zu würdigen. Sie sind nicht nur für die Geschichtswissenschaft, sondern auch für das Verständnis der Entwicklung von Geschlechterrollen in der europäischen Geschichte von großer Bedeutung.