Relativismus auf dem Prüfstand – Udo Endruscheits kritische Tour durch die Postmoderne

Udo Endruscheit beschäftigt sich auf seinem Blog "Science and Sense" in einer 9-teiligen Artikelserie mit den Problemen, die der Erkenntnisrelativismus nach sich zieht und warum dieser unvereinbar mit den Prämissen skeptischen Denkens ist. Weiterlesen →

Apr 29, 2025 - 17:38
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Relativismus auf dem Prüfstand – Udo Endruscheits kritische Tour durch die Postmoderne

Wir hatten Udo Endruscheit Artikelreihe zum Erkenntnisrelativismus auszugsweise hier schon einmal. Inzwischen ist die Reihe abgeschlossen. Zeit also, den Rundumblick zu liefern. Die Überschriften verlinken direkt zu den jeweiligen Beiträgen.


Erkenntnis, Relativismus und die Krise des Diskurses (Erkenntnisrelativismus Teil 1)

Zum Auftakt seiner Reihe wirft Udo ein Licht auf den Erkenntnisrelativismus. Dabei stellt er gleich die Leitfragen für die Serie:

Was zunächst als berechtigter Reflex auf wissenschaftlichen Dogmatismus und Machtstrukturen begann, hat sich in manchen Bereichen zu einer Herausforderung für den wissenschaftlichen Diskurs selbst entwickelt: Wenn alle Wahrheiten als gleichwertige Narrative gelten, verliert Wissenschaft ihre normative Kraft. Doch ist dieser Vorwurf gerechtfertigt? Haben Philosophen wie Kuhn, Foucault oder Derrida tatsächlich eine radikal relativistische Position vertreten – oder wurden sie vereinnahmt? Diesen Fragen soll eine kleine Artikelserie nachgehen, deren erster Teil dieser Beitrag ist.

Folgende erkenntnistheoretische Opposition ist für die Debatte von zentraler Bedeutung:

Die Frage, wie wir zu Wissen gelangen, ist eine der grundlegendsten philosophischen Debatten. Zwei einflussreiche Positionen, die sich hierbei gegenüberstehen, sind der kritische Rationalismus und relativistische Erkenntnistheorien.

Erstgenannter „geht davon aus, dass Wissen immer vorläufig ist und sich nur durch kritische Prüfung und Falsifikation weiterentwickeln kann.“ Relativistische Theorien zeichnen sich indes dadurch aus, dass sie „den Wahrheitsbegriff entweder aufweichen oder gar ablehnen.“

Für Udo ist jedenfalls klar, wohin die Reise für Skeptiker gehen sollte:

Gleich hier werde ich keinen Hehl daraus machen, dass ich den kritischen Rationalismus als unabdingbare Grundlage eines sinnvollen, realitätsbezogenen und kritischen Skeptizismus ansehe. Ernsthaft betriebene skeptische Aufklärung setzt voraus, sich seiner epistemologischen Grundlagen sicher zu sein.


Relativismus in der Moderne – ein Überblick – (Erkenntnisrelativismus Teil 2)

Im zweiten Beitrag klärt Udo, woher die hohe Relevanz für diese philosophische Frage kommt. Der Erkenntnisrelativismus mag keine neue Idee sein, aber seit dem 20. Jahrhundert ist er deutlich lauter geworden:

Der epistemologische Relativismus entwickelte sich von einer philosophischen Randerscheinung zu einer einflussreichen Strömung, die in vielen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen prägend wurde.

Geschichtliche Ereignisse spielten dabei eine wesentliche Rolle:

Das 20. Jahrhundert bot dafür den Nährboden: Die Erschütterung der Aufklärungsideale durch zwei Weltkriege, die Verbrechen totalitärer Regime und das Scheitern von Fortschrittsnarrativen führten zu einem tiefen Misstrauen gegenüber den traditionellen Wahrheitsansprüchen westlicher Rationalität.

Am Ende des Beitrags gibt Udo einen kleinen Ausblick auf die Themen, die folgen.


Michel Foucault: Originärer oder missverstandener Relativist? (Erkenntnisrelativismus Teil 3)

Jetzt wird’s konkret: Den Auftakt macht Foucault. Auch wenn er sich selbst nicht als Relativist verstand, steuerte er durchaus seinen Teil dazu bei:

Foucaults Werk konzentriert sich auf die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Wissen und Macht. Er argumentiert, dass Wissen niemals unabhängig von Machtstrukturen existiert, sondern vielmehr durch sie produziert wird.

Foucaults Ansatz wird oft als Grundlage für epistemologischen Relativismus herangezogen, da er suggeriert, dass es keine überzeitlichen, objektiven Wahrheiten gibt, sondern nur kontextspezifische Wahrheitsregime. Seine Idee der „Macht-Wissen-Komplexe“ zeigt auf, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht einfach „entdeckt“, sondern im Rahmen sozialer und politischer Machtverhältnisse produziert werden.

Udo differenziert:

Ich würde also sagen, Foucaults Analyse ist wertvoll, um zu verstehen, wie sich Wissensordnungen historisch entwickeln und warum bestimmte Wahrheiten in bestimmten Epochen vorherrschen. Aber wenn man daraus schlussfolgert, dass Erkenntnis immer nur eine Funktion von Macht und Kontext ist und nicht eine Annäherung an eine objektivere Beschreibung der Welt sein kann, dann läuft man Gefahr, in einen pessimistischen erkenntnistheoretischen Relativismus zu verfallen.


Jean-François Lyotard: Das Ende der großen Erzählungen? (Erkenntnisrelativismus Teil 4)

Weiter geht’s mit Jean-François Lyotard und seinem Begriff Metanarrativ:

Was meint Lyotard mit „Metanarrativen“? Gemeint sind die großen Sinn- und Geltungserzählungen der Moderne – etwa der Fortschrittsglaube der Aufklärung, der Historismus des Marxismus, die universelle Vernunft der Wissenschaft oder auch die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts durch technische Rationalität. All das wird bei Lyotard nicht in erster Linie „widerlegt“, sondern delegitimiert – weil es seiner Ansicht nach den Anspruch erhebt, Wahrheit zu „besitzen“ und damit andere Stimmen zu marginalisieren.

Udo ringt mit Lyotards Philosophie. Er versteht dessen Skepsis, doch bleibt er dem aufklärerischen Gedanken treu:

Als skeptischer Humanist stehe ich Lyotards berühmter These vom Ende der großen Erzählungen mit zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Zu sehr widerspricht der radikale Zweifel an universalen Wahrheitsansprüchen dem Geist der wissenschaftlichen Aufklärung, der mich geprägt hat. Diese baut auf der Idee auf, dass es intersubjektiv überprüfbare Wahrheiten und verlässliche Methoden gibt – ein Fundament, das Lyotards Postmoderne kühn in Frage stellt. Und doch ist seine Diagnose nicht einfach von der Hand zu weisen. Spätestens nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts – von Auschwitz bis Hiroshima – ließ sich der naive Glaube an einen geradlinigen Fortschritt und an allumfassende Heilsversprechen kaum aufrechterhalten. In diesem Licht erscheint Lyotards Skepsis gegenüber den großen Erzählungen verständlich: Sie traf – und trifft – einen Nerv der ernüchterten Spätmoderne und mahnt uns, die eigenen Gewissheiten kritisch zu hinterfragen. So bleibt seine Position aus Sicht der wissenschaftlichen Vernunft zwar hochproblematisch, aber eben nicht gänzlich unberechtigt.

An diesem Punkt trennen sich Lyotards Weg und der des klassischen Skeptikers:

Gerade dieser Punkt – dass sich aus der Erkenntnis des „Legitimationsverlusts der großen Erzählungen“ nicht das Ende von Wahrheit ergibt, sondern der Bedarf nach einem neuen Wahrheitsbegriff – ist die entscheidende Weggabelung. Lyotard biegt links ab, der humanistische Skeptiker geht geradeaus. Und genau an diesem Kreuzungspunkt wird deutlich, dass kritisches Denken nicht in Beliebigkeit münden muss, sondern in verantwortbare Erkenntnisfähigkeit, auch und gerade angesichts der Fragilität ihrer Grundlagen.


Jacques Derrida: Dekonstruktion als Methode (Erkenntnisrelativismus Teil 5)

Mit Jacques Derrida wird’s linguistisch – Bedeutung ist nie stabil, Wahrheit nie eindeutig:

Derrida entwickelte die Dekonstruktion als eine Strategie, um die scheinbare Stabilität von Sprache und Bedeutung infrage zu stellen. Er zeigte, dass Bedeutung niemals endgültig fixiert ist, sondern sich durch ein unendliches Netz von Differenzen und Kontexten verschiebt („différance“).

Problematisch ist dies für Skeptiker und ihre Prämisse, dass objektive Erkenntnis prinzipiell erzielt werden kann:

Wenn Bedeutung instabil ist, dann wird auch das Konzept „objektiver Wahrheit“ fragwürdig. Dies unterminiert klassische wissenschaftliche Ansprüche auf neutrale oder universale Erkenntnis und damit den objektiven Wahrheitsbegriff selbst: Jede Theorie ist in sprachliche und kulturelle Kontexte eingebettet, womit jeder „absolute Wahrheitanspruch“ hinfällig wird und nur als ein narratives Konstrukt auf der sprachlichen Ebene betrachtet werden kann.

Diese Denkweise ist nicht auf die Philosophie beschränkt geblieben:

Die Berufung auf Derrida führt In den Sozial- und Geisteswissenschaften zunehmend dazu, dass Wissen zunehmend als durch soziale, kulturelle und sprachliche Kontexte geformt betrachtet wird mit der Folge, dass Methoden objektiver Untersuchungen in den Hintrgrund geraten. Es ist nicht auszuschließen, dass hierin die Replikationskrise der Sozial- und Geisteswissenschaften eine ihrer Wurzeln hat. Replikation setzt Intersubjektivität voraus – die jedoch kaum mehr eingefordert wird, wenn alles als sozial konstruiert gilt.


Judith Butler (Erkenntnisrelativismus Teil 6)

Butler baut auf Foucault und Derrida auf und bringt deren Gedanken konsequent in die Gender-Theorie:

Judith Butler hat mit ihrer Theorie der Performativität in der Gender-Theorie viel mehr als nur ein Narrativ geliefert – sie hat eineb epistemologischen Anspruch für ihre Art von Relativismus erhoben. Ihr Ansatz geht weit über bloße Kulturkritik hinaus und hat erheblichen Einfluss auf die Critical Studies genommen.

Butlers zentrale These lautet, dass Geschlecht (gender) nicht durch biologische Gegebenheiten festgelegt ist, sondern performativ erzeugt wird. Das bedeutet: Geschlecht existiert nicht als feststehende Realität, sondern wird durch sprachliche und soziale Praktiken hervorgebracht. Diese Idee ist direkt von Michel Foucault und Derrida beeinflusst, insbesondere von deren Konzepten der Diskursanalyse und der Dekonstruktion.

Für Udo ein kritischer Punkt. Hier wird’s brenzlig für das naturwissenschaftliche Denken:

So wird Butlers performative Theorie zur Blaupause für eine umfassende Relativierung des naturwissenschaftlichen Weltbezugs. Es ist kein Zufall, dass aus diesem Denken heraus auch die Forderung wächst, biologische Konzepte „zu dekolonisieren“ – eine Formulierung, die selbst gut gemeint, aber in ihrer Radikalität bis zur Wissenschaftsfeindlichkeit reichen kann.

Gerade für einen skeptischen, rationalitätsbasierten Humanismus ist dieser Punkt entscheidend. Denn hier zeigt sich exemplarisch, wie erkenntnisrelativistische Entwürfe aus kritischen Impulsen heraus schließlich an den Grundfesten dessen sägen, was überhaupt als überprüfbare Erkenntnis gelten kann. Die Folge ist keine Befreiung – sondern ein epistemischer Rückschritt.

Udo zeigt in diesem Beitrag, inwiefern Parallelen von Judith Butler zur Christian Science bzw. zu Ludwig Wittgenstein gezogen werden können.


Das Thema Critical Studies (Erkenntnisrelativismus Teil 7)

Der siebte Teil dreht sich um das heiße Eisen schlechthin: die Critical Studies:

In dieser Tradition – die sich auf die Kritische Theorie der Frankfurter Schule ebenso beruft wie auf Foucault, Derrida und Butler – wird Kritik zur politischen Mission: Erkenntnis soll nicht mehr nur erlangt, sondern verändert werden. Forschung ist damit kein offener Erkenntnisprozess mehr, sondern ein Beitrag zum „richtigen“ gesellschaftlichen Wandel.

Dieser aktivistische Aspekt macht die Critical Studies so problematisch:

Genau hier zeigt sich die konkreteste Form des epistemologischen Relativismus: Wenn Wahrheit nicht mehr als etwas erkannt wird, das unabhängig von Perspektiven existiert, sondern nur noch als sozial konstruiert und kontextabhängig betrachtet wird, dann degeneriert Wissenschaft zu einer Art Machtspiel. Was dann zählt, ist nicht mehr die Gültigkeit eines Arguments, sondern seine Nützlichkeit für eine vorab festgelegte politische oder gesellschaftliche Agenda. Das evidente Argument wird vom Gültigkeit einfordernden Narrativ verdrängt. Das führt in der extremen Form zu einer Immunisierung gegen Kritik: Jeder Widerspruch wird als „reaktionär“, „hegemonial“ oder „unterdrückend“ delegitimiert, statt inhaltlich geprüft zu werden.

Zusammengefasst:

Die Critical Studies haben wichtige Impulse geliefert, aber in ihrer dogmatischen Form gefährden sie den wissenschaftlichen Diskurs. Ein reflektierter kritischer Realismus wäre hier der bessere Weg – also die Anerkennung sozialer Kontexte und Machtstrukturen, ohne dabei objektive Erkenntnismöglichkeiten aufzugeben.

Udo veranschaulicht dies am Fall Mātauranga Māori.


Warum Erkenntnisrelativismus ein falscher Weg ist (Erkenntnisrelativismus Teil 8)

Mit Rückgriff auf die Gedanken zweier Philosophen zieht Udo in Teil 8 Bilanz:

Demgegenüber stehen zwei herausragende Vertreter einer strikten Ablehnung des Relativismus: Karl Popper und Paul Boghossian. Während Popper den Relativismus durch eine systematische Weiterentwicklung der Erkenntnistheorie obsolet machte, lieferte Boghossian eine direkte und analytische Widerlegung der zentralen relativistischen Argumente.

Darauf aufbauend formuliert Udo seine eigene Position:

Wir haben keine Wahl als Humanisten, wir müssen auch und vor allem Anwälte der Ratio sein. Und wir dürfen uns dabei nicht mit Begriffen wie ‚reduktionistischer Materialist‘ oder ‚Wissenschaftsdogmatiker‘ etikettieren lassen, wie es die Anwälte des Postfaktisch-Irrationalen gern und oft tun, um uns eine Ebene des Menschlichen abzusprechen. Aber das ist nichts anderes als Verleumdung in pseudophilosophischer Mimikry. Wir sind nicht Materialisten, sondern Naturalisten, was die Ehrfurcht vor dem gesamten Spektrum nicht nur menschlichen Daseins in der realen Welt einschließt, jedoch die Irrationalität und rein subjektive ‚Wahrheiten‘ als Nährboden für das Gegenteil dieser Ehrfurcht erkennt und ihnen widerstreitet.


Epilog – Plädoyer für die Unparteilichkeit der Vernunft (Erkenntnisrelativismus Teil 9)

Seine Reihe beendet er mit einem Epilog:

Die Postmoderne hat das Vertrauen in objektive Erkenntnis und überindividuelle Wahrheit untergraben – und damit jenen Möglichkeitsraum geöffnet, in dem heute moralische Narrative den Platz rationaler Urteilsbildung einnehmen. Wenn alles Wissen nur noch Perspektive ist, dann entscheidet nicht mehr die Stärke des Arguments, sondern die Identität des Sprechenden. Der Maßstab wechselt: von der Nachvollziehbarkeit zur Betroffenheit, vom Beweis zur Deutungshoheit.

Und das beißt sich mit dem, was Skeptiker versuchen zu erreichen:

In den letzten Jahren hat sich in vielen gesellschaftlichen Debatten ein seltsames Phänomen verfestigt: Bestimmte Themenfelder gelten nicht mehr als kritisierbar, weil sie als Ausdruck von Emanzipation, sozialem Fortschritt oder identitätspolitischer Gerechtigkeit verstanden werden. Kritik an diesen Diskursen – sei sie noch so sachlich, rational oder empirisch fundiert – wird schnell moralisch abgewertet: als „rechts“, als „reaktionär“, als „wissenschaftsdogmatisch“. Die Folge: Die Rationalität wird selektiv – und verliert damit ihren Status als universelles Prüfverfahren.

Udo beendet seine Reihe mit folgenden Worten:

Ich vertrete keine Rückkehr zu metaphysischen Gewissheiten, wohl aber das Recht, zwischen besser und schlechter begründeten Aussagen unterscheiden zu dürfen – und die Verpflichtung, diese Unterscheidung nicht dem Gefühl, sondern der Prüfung zu überlassen.

Wer in dieser Haltung eine ideologische Nähe zu autoritärem Denken irgendwelcher Richtungen erkennen will, verwechselt Kritik an Beliebigkeit mit Bekenntnis zu Starrheit.

Die Texte dieser Reihe entstehen aus dem Bemühen, begründbar und nachvollziehbar zu denken – und aus dem Vertrauen darauf, dass Aufklärung auch ohne Lautstärke wirken kann.


Wer in den Diskussionen rund um die Critical Studies, Postmoderne & Co. mitreden will, sollte Udos Reihe griffbereit haben. Am besten gleich in den Lesezeichen abspeichern.

Zum Thema:

  • Artikel: Gastbeitrag: Zynische Theorien – Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt, GWUP-Blog vom 05.09.2022

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