Pariser Gipfel: Milliarden für Europas KI: Was hinter den großen Ankündigungen steckt
Beim Pariser KI-Gipfel werden immense Investitionsvorhaben für Frankreich und Europa angekündigt. Von wem kommt das Geld? Und was kann daraus werden?

Beim Pariser KI-Gipfel werden immense Investitionsvorhaben für Frankreich und Europa angekündigt. Von wem kommt das Geld? Und was kann daraus werden?
Die Botschaft aus Paris soll eindeutig sein: Europa will im Rennen um die Vorherrschaft bei Künstlicher Intelligenz nicht aufgeben, im Gegenteil. Mit den entsprechenden Milliardensummen soll der Kontinent wieder vorne mitspielen können. Schon bevor am Dienstag Staats- und Regierungschefs zum KI-Gipfel von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron einfliegen, wurden von Macron selbst sowie von einer schwergewichtigen Unternehmensinitiative immense Investitionssummen angekündigt; die Rede ist von hunderten Milliarden Euro, die in Frankreich und Europa in den nächsten Jahren in die Infrastruktur fließen sollen.
Referenzpunkt für die gemeinsame Anstrengung ist das Stargate-Projekt der USA – kurz nach seiner Amtseinführung kündigte US-Präsident Donald Trump gemeinsam mit den Tech-Bossen Larry Ellison (Oracle), Masayoshi Son (Softbank) und Sam Altman (OpenAI) die gigantische Investitionssumme von 500 Mrd. Dollar für den Aufbau von KI-Infrastruktur an. Schnell stellte sich allerdings heraus, dass einige der versprochenen Gelder schon lange eingeplant waren und die Finanzierung der Investitionen offenbar keineswegs gesichert ist.
Auch hierbei gibt es bei den europäischen Ankündigungen vom Montag Parallelen: Welche konkreten Summen in welchem Zeitraum und von wem tatsächlich investiert werden, das blieb zumindest in Teilen fürs Erste unklar.
109 Milliarden für Frankreich
Den Aufschlag machte am Sonntagabend Macron persönlich: Er ließ in einem Interview mit dem TV-Sender France 2 verlautbaren, dass Frankreich „in den nächsten Jahren“ mit insgesamt 109 Mrd. Euro an KI-Investitionen rechnen dürfe. Dies sei das „Äquivalent für Frankreich“ zum amerikanischen Stargate-Projekt. Die Summe werde laut Macron vor allem von den Vereinigten Arabischen Emiraten, kanadischen und amerikanischen Investmentfonds sowie französischen Unternehmen wie dem Elektronikkonzern Thales und den Telekomgiganten Orange und Iliad gestemmt.
Der Großteil der Investitionen wurde bereits in den vergangenen Tagen nach und nach verkündet. So stand bereits fest, dass die Emirate über MGX, den Technologiearm ihres Staatsfonds, zwischen 30 und 50 Mrd. Euro in einen neuen französischen Campus von Rechenzentren stecken wollen – die genaue Summe und der genaue Ort sind noch unklar. Die zweitgrößte Summe soll vom kanadischen Vermögensverwalter Brookfield kommen, der bis 2030 20 Mrd. Euro in KI-Infrastruktur in Frankreich investieren will, allein 15 Milliarden davon sind für den Aufbau von Rechenzentren geplant (Brookfield ist auch Eigner des europäischen Rechenzentrenbetreibers Data4).KI-Gipfel Paris
Welche weiteren Investitionsprojekte mit welcher Summe am Ende Macrons 109 Milliarden vollmachen sollen, ist bislang nicht im Detail bekannt. Klar ist, dass das französische LLM-Start-up Mistral „mehrere Milliarden Euro“ in die Hand nehmen will, um sein eigenes Rechenzentrum im Heimatland zu bauen; der Mobilfunkkonzern Iliad hat 3 Mrd. Euro versprochen; und die staatliche Investitionsbank Bpifrance will bis 2029 10 Mrd. Euro direkt in KI-Firmen oder in spezialisierte Fonds stecken. Am Montagnachmittag wird sich Macron mit internationalen Investoren treffen; gut möglich, dass dabei weitere News folgen werden.
150 Milliarden von KI-Investoren
Die zweite große Ankündigung folgte am Montagmorgen: Mehr als 70 europäische Unternehmen wollen mit einer „Initiative für europäische KI-Champions“ den Kontinent in Sachen KI-Entwicklung und -Anwendung nach vorne zu bringen. Darunter sind Großkonzerne wie Airbus, L’Oréal oder Siemens, aber auch Start-ups wie Mistral oder das Berliner Reiseportal Omio. Und: Im Rahmen der Initiative, koordiniert von der deutschen Wagniskapitalgeberin Jeanette zu Fürstenberg, haben mehrere Finanzinvestoren angekündigt, in Summe 150 Mrd. Euro in Europa zu investieren – ausschließlich mit KI-Fokus.
Ob die Milliardenbeträge aber tatsächlich so fließen werden, ist offen. Es handle sich um erst noch bereitzustellende Mittel, erklärte zu Fürstenberg gegenüber Capital. Zu den Geldgebern, die sich der gemeinsamen Finanzierungszusage angeschlossen haben, gehören Fürstenbergs eigene Investmentfirma General Catalyst, Venture-Capital-Spezialisten wie Balderton und Insight, Private-Equity-Firmen wie KKR und EQT sowie der US-Vermögensverwaltungsriese Blackstone.22-01-2025 Stargate
Die Initiative, so zu Fürstenberg, sei vor allem eine Handlungsaufforderung an die Politik: „Je besser die europäischen Rahmenbedingungen für künstliche Intelligenz sind, desto mehr Geld wird auch in die Technologie und die Unternehmen fließen.“ Insgesamt sechs konkrete Forderungen hat die Initiative formuliert: Unter anderem sollen die vielen Tech-Regelungswerke in der EU vereinheitlicht, der Datenaustausch erleichtert und spezielle Beschleunigungsprogramme etwa für den Abbau von Bürokratie aufgelegt werden.
Die Investorin erwartet rasche Fortschritte – schließlich sei künstliche Intelligenz auf Jahrzehnte ein „absoluter Kerntreiber“ für alle Unternehmen in Europa. „KI ist nicht disruptiv, sondern transformativ – jedes Unternehmen mit eigenen Daten kann die Technologie also zu seinem Vorteil nutzen“, so zu Fürstenberg. Sie hoffe daher auf einen großen Handlungswillen innerhalb Europas.
„Endlich eine Oase“
In der Branche schauen Beobachter durchaus hoffnungsvoll auf die Pläne. „Ein überfälliger, aber wichtiger Schritt“, kommentiert KI-Experte und Investor Fabian Westerheide im Gespräch mit Capital. „In Sachen KI-Investitionen waren wir bisher eine Wüste, jetzt könnte endlich eine Oase entstehen, aus der wir trinken können.“ Die angekündigten Beträge könnten dem Experten zufolge sogar ausreichen, um Europa zumindest wettbewerbsfähig zu halten. China und die USA werde man so zwar nicht mehr überholen können – dies sei aber auch nicht zwingend notwendig. „Es geht darum, den dritten Platz zu behaupten und nicht noch von anderen überholt zu werden – etwa von Indien, Lateinamerika oder anderen Regionen“, so Westerheide.
NL Die WocheEs gebe aber auch Anlass zur Skepsis. Zum einen seien in der Vergangenheit schon häufig Milliardeninvestitionen angekündigt worden, die sich später nur in Bruchteilen materialisiert hätten. Westerheide verweist dazu exemplarisch auf die KI-Förderpläne der letzten Großen Koalition unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Von den 2020 angekündigten 5 Mrd. Euro seien nur 1,5 Mrd. Euro ausgezahlt worden, so Westerheide. Den Rest habe man zugunsten anderer Fördertöpfe umgewidmet.
Zum anderen sieht der Experte auch die hohe Zahl an beteiligten Unternehmen hinter der neuen KI-Initiative mit Vorsicht. „Bei mehr als fünf Parteien neigen solche Projekte meistens dazu, zu implodieren“, sagt Westerheide. Auch hier gebe es mit dem Cloud-Projekt Gaia-X ein mahnendes Beispiel. An der europäischen Initiative sind hunderte Akteure aus Wirtschaft und EU-Politik beteiligt. Doch aufwendige Abstimmungsprozesse hätten das Vorhaben ausgebremst, so Westerheide. Es sei daher wichtig, dass die Unternehmen bei der KI-Initiative sich jetzt nicht zu lange mit Regulierungsfragen aufhalten: „Ich investiere, auch wenn die Politik nicht handelt.“