News: Arminia Bielefeld, Bayern München, Eric Cantona

Glaube lohnt sich wieder! Arminia Bielefeld steht im Pokalfinale. Sendet heute aus dem Café Europa: der Newsletter.

Apr 2, 2025 - 06:35
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News: Arminia Bielefeld, Bayern München, Eric Cantona

Bielefeld schlägt Leverkusen

Sapperlot! Hat die Stadt so etwas schon mal erlebt? Ist sie dafür überhaupt gemacht? Oder bahnt sich da ein grunderschütterndes Beben an? Berlin hat in seiner fast 800-jährigen Geschichte vieles erlebt. Dass 330.000 entrückte Ostwestfalen in die Stadt einfallen werden, gab es aber selbst hier noch nicht. Was bislang nur Hertha II (1993), Energie Cottbus (1997) und Union Berlin (2001) gelungen ist, hat gestern Abend auch Arminia Bielefeld geschafft: Der Drittligist steht im Pokalfinale. Und das nach einem großen Spiel gegen Bayer Leverkusen sogar vollkommen verdient. Vielleicht schwante Bayer-Trainer Xabi Alonso bereits vor Anpfiff, weshalb Otto Rehhagel 1982 mal mit schusssicherer Weste auf der Bank Platz nahm, als Bremen auswärts in Bielefeld ranmusste. Denn schon lange vor Spielbeginn und weit, weit entfernt von einem Pokalfinale nährten die Arminia-Fans die Legende von der lodernden Bielefelder Alm. Schon 1946 schrieb eine Bielefelder Lokalzeitung: „Da nutzten alle Ordner nichts, die Gästespieler wurden gejagt wie Hasen.“ Ein Satz, der gestern Abend von Trainer Mitch Kniat hätte stammen können. So jagdlustig hatte er seine Spieler und mit ihnen auch die Fans eingestellt.

Vor der Partie hatte Kniat noch gesagt, mit dem Ball müsse sich sein Team gar nicht mit Leverkusen messen. Stattdessen rief er im Duktus eines Schleifers „Disziplin“ und „Fleiß“ als Maxime aus. Das mit dem „Glauben“ blieb eine unausgesprochene Übereinkunft mit seinen Spielern. Zwar ließen die Spieler nichts von der Maßgabe vermissen, doch waren sie keinesfalls bloß zusammengekommen, um den Rasen umzupflügen. Den frühen Rückstand gegen den Doublesieger drehten die Ostwestfalen noch vor der Halbzeit in eine Führung und spielten dann so, wie man es im Angesicht einer einmaligen Chance tun sollte. Mit einem Oppie, der ganz und gar nicht rannte wie einer, einem Schneider, der Bälle schlug, wie es nur ein weißer Brasilianer konnte, und einem Wörl, der als Topscorer des Wettbewerbs schon jetzt die Story des Jahres schreibt. Um 22:45 war der Irrsinn vollbracht. Auf dem Feld brachen die Bielefelder zusammen, auf den Rängen weinten Männer bitterlichst. Bielefeld-Legende Fabian Klos saß am Spielfeldrand, starrte drein, als hätte er den Leibhaftigen gesehen. „Heute schläft hier keiner in der Stadt“, sagte Mitch Kniat. Und Philipp Köster? Werden wir vor dem 24. Mai wohl kaum aus dem Café Europa herausbekommen. Glückwunsch, Arminen! Glückwunsch, Fußball!

Der Liveticker in der Nachlese:
Kniat nieder!

Mehr Trash TV als Hollywood

Es summt, zwitschert und quakt. Der Frühling steht an. Während sie in Bielefeld noch Jahrzehnte von diesen Wochen zehren werden, haben sie in München noch nichts davon mitbekommen, dass die schönere Zeit des Jahres begonnen hat. Zwar bewegt sich der FC Bayern entschlossen auf die Meisterschaft zu, ist international im Flow, trotzdem fröstelt die Stimmung gehörig. Anfang der Woche wurde bekannt, dass der ewige Frühlingsbote Thomas Müller keinen neuen Vertrag erhält. Obwohl Max Eberl noch vor Kurzem meinte: „Wenn er sagt, er hat Lust weiterzumachen, dann werden wir uns in die Augen schauen, dann schauen wir uns den Kader an, und dann wird es weitergehen.“ Ein Wortbruch sei das gewesen, heißt es nun aus dem Anti-Eberl-Lager. Das offensichtlich gerade nicht kleiner wird. Von Musiala, Kimmich und Davies hätte sich der Sportvorstand auf der Nase herumtanzen lassen, die Zukunft von Sané und Gnabry ist nicht geklärt. Teure Altlasten wie Boey und Zaragoza sind noch immer nicht abgeschüttelt. Max Eberl hat bei Amtsantritt vor 13 Monaten die Vorgabe erhalten, die besten Spieler beim FC Bayern zu halten, dabei gefälligst Geld einzusparen – und muss bei diesem Spagat auch noch mit den altväterlichen Ratschlägen von Hoeneß und Rummenigge umgehen. „In Hoeneß brodelt es“, meint Lothar Matthäus wahrgenommen zu haben. Der Münchner Ahnherr sei schon länger unzufrieden mit Eberl. Angeblich wird darum hinter seinem Rücken schon über seine mögliche Nachfolge diskutiert. Mario Gomez soll ein Kandidat sein. Herrje! Geläster, ein bisschen Zoff hinter den Kulissen und die große Frage, wer am Ende noch auf der Besetzungsliste steht: mit Hollywood hat das wenig zu tun, was andere Säbener Straße gerade gedreht wird. Mehr mit laienhaftem Trash-TV.

When the seagulls...

Eric Cantona nahm einen Schluck Wasser, setzte das Glas ab und ließ die versammelten Journalisten kurz zappeln. Dann sprach er: „When the seagulls follow the trawler, it’s because they think sardines will be thrown into the sea.“ Wenn die Möwen dem Tanker folgen, dann weil sie denken, dass er Sardinen ins Meer schmeißt. Dieser Satz, den er den hungrigen Journalisten im April 1995 vor die Füße warf, nachdem er einen Fan per Kung-Fu-Kick niedergestreckt hatte, war einer der rätselhaftesten in der Fußballgeschichte. Er war so bedeutend wie komisch, so klug wie unverständlich, klar und zugleich vollkommen wirr. Ein paar Jahre später behauptete Cantona, die Worte hätten keinerlei Bedeutung gehabt – er habe sich nur amüsiert, wie verzweifelt die Leute versuchten, sie zu analysieren. Dann wiederum sagte er, er habe der Presse einen Spiegel vorgehalten. Noch später kam heraus: So spontan, wie es immer schien, war das Zitat gar nicht. Uniteds langjähriger Klubanwalt Maurice Watkins verriet 2012, dass er Cantona seinerzeit riet, der Öffentlichkeit irgendetwas zu sagen. Zusammen bastelten sie an einer Rede, Cantona fragte, wie man ein Boot nennt, das Fische fängt. Dann, welche Vögel darüber kreisen. Watkins Antwort kritzelte er auf einen Zettel – und schenkte sie uns heute vor 30 Jahren.

Sen­si­bles Genie oder wahn­sin­niger Bru­talo?
König der Möwen

Knobelecke

Welche Wappen sind hier verbaut? Schickt eure Lösungen an newsletter@11freunde.de. Gestern suchten wir die Logos von Udinense Calcio, Real Madrid, Wuppertaler SV und dem FC Everton.

Und heute?

Vergessen wir, was gestern Nacht im Café Europa passiert ist. In der Regionalliga Südwest steigt das Spitzenspiel zwischen den Stuttgarter Kickers und dem SGV Freiberg. Und was auch immer SGV Freiberg ist: Es sollte tunlichst gewinnen, um Tabellenführer TSG Hoffenheim II noch vom Aufstieg abzubringen. Wir streifen uns mal unsere Freiberg-Kutte über und pflanzen uns um 19 Uhr vors Endgerät. Macht’s uns nach. Oder tut was Sinnstiftendes, findet zurück zum Glauben, gebt eine Vermisstenanzeige für unseren Chef auf.

Oder habt einfach nur einen schönen Mittwoch!