Fitnesstipps vom Experten: "Wir haben verlernt, uns natürlich zu bewegen"

Starke Muskeln sind das eine. Aber bei Fitness geht es noch um etwas anderes, sagt Orthopäde Dr. Arvid Neumann.

Mär 26, 2025 - 10:32
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Fitnesstipps vom Experten: "Wir haben verlernt, uns natürlich zu bewegen"

Starke Muskeln sind das eine. Aber bei Fitness geht es noch um etwas anderes, sagt Orthopäde Dr. Arvid Neumann.

BRIGITTE: Viele von uns rennen wie verrückt ins Fitnessstudio, aus Angst, später gebrechlich zu werden. Ist das sinnvoll?

Dr. Arvid Neumann: Vor 20 Jahren haben nicht einmal halb so viele Menschen in Fitnessstudios trainiert. Millionen gehen in Vereine. Wir treiben also deutlich mehr Sport als früher. Aber leben wir in einem Land der fitten und orthopädisch gesunden Menschen? Leider nein! In den vergangenen 15 Jahren stieg die Anzahl der Wirbelsäulen-Operationen um über 70 Prozent, pro Jahr werden ca. 250 000 Hüftprothesen eingebaut. Fast jeder klagt über Rückenschmerzen, auch viele junge Menschen sind schmerzgeplagt.

Was bedeutet das für unseren Sport?

Wir brauchen ein Umdenken. Die vermeintliche Lösung, mehr Sport mit alleinigem Fokus auf die Muskelkraft, ist nicht erfolgreich. Die richtige Bewegung muss in den Vordergrund gestellt werden, dann bleiben wir ein Leben lang schmerzfrei und beweglich.

Was meinen Sie mit "richtiger Bewegung"?

Beim üblichen Krafttraining wird meist ein unnatürlicher Bewegungsablauf eingeübt, der eher für Anspannung sorgt und im Alltag so in natürlicher Weise nicht vorkommt. Dieses "Immer gleich bewegen" und "Verharren in einer Position" trainiert jedoch nur eine Bewegung von vielen möglichen und schadet unserem elastischen Faszien-Netzwerk. Und dieses stellt viel Kraft abseits der Muskulatur zur Verfügung.

Das müssen Sie bitte erklären …

Viele Menschen benötigen bereits beim Stehen viel Muskelkraft, weil sie nicht im Lot zum Boden stehen und der Körper gegen die Schwerkraft arbeiten muss. Steht man jedoch in Balance, dann hält die Faszie einen nahezu mühelos aufrecht – und es wird weniger Druck und Zug auf die Gelenke ausgeübt. Auch beim Bewegen gilt: Ich kann ausschließlich auf Muskelkraft setzen – oder mich elegant, federnd und leicht bewegen, indem ich die elastischen Rückstellkräfte der Faszie beim richtigen Gehen oder beim richtigen Bücken nutze.

Was ist mit all den Studien, die zeigen, dass starke Muskeln den Körper vor Entzündungen schützen und den Stoffwechsel sowie die Organe gesund halten?

Es stimmt, dass aktive Muskulatur sogenannte Myokine produziert, die reichlich positive Effekte auf den Organismus haben. In einem "Muskelklumpen" bewegt sich jedoch nur dieser "Klumpen". In einem faszial komplett freien Muskel dagegen jede einzelne Muskelfaser. Die Geschmeidigkeit der Faszie im Bereich der Muskulatur ist somit viel entscheidender als die reine Muskelmasse.

Was ist denn das Besondere an der Faszie?

Sie ist ein körperweites, dreidimensionales Spannungsnetzwerk. Von der Haut bis in den Zellkern ist alles mit allem durch dieses Fasziengeflecht verbunden. Die Faszie ist die Architektin unseres Körpers, sie formt uns und bestimmt, ob wir aufrecht stehen können oder mit vorgeschobenem Becken, Rundrücken und Geiernacken durch die Welt laufen. Und als Bewegungsorgan bestimmt sie die Qualität unserer Bewegungen: ob elegant und ökonomisch oder schwerfällig, steif und unrund. Die Faszie ist außerdem das empfindlichste Wahrnehmungsorgan – durch ihre enge Verbindung zum Nervensystem verknüpft sie Körper, Seele und Geist. Und wir haben es selbst in der Hand, sie zu verändern. Weil sie dynamisch ist, sich jederzeit umbauen lässt.

Was braucht die Faszie dafür?

Kurz gesagt: Das, was der Mensch braucht, nämlich artgerechte, natürliche Bewegung. Die längere Antwort: Der Körper eines Menschen passt sich seiner Nutzung an. Die Faszie trainiert aber 24 Stunden lang – und nicht nur eine Stunde am Tag, wenn wir Sport treiben. Was und vor allem wie sich der Mensch in diesen 24 Stunden bewegt, das wird gefestigt und bestimmt die Körperform. Wenn ich also flexibel und gelöst sein möchte, dann sollte ich vielseitige Bewegung in hoher Bewegungsqualität in meinen Alltag integrieren und sowohl körperliche als auch mentale Spannungen loslassen.

Haben wir verlernt, uns natürlich zu bewegen?

Absolut. Wir wissen nicht mehr, wie wir geschmeidig und ökonomisch etwas aufheben, den Kühlschrank öffnen, eine Kiste Wasser tragen oder uns richtig abstützen. Eigentlich müsste jeder Schritt in hoher Qualität erfolgen.

Dr. Arvid Neumann ist Orthopäde, Sportwissenschaftler und Autor des Buches "Die Fitness-Lüge" (254 S., 20 Euro, Dumont). Mehr Infos unter dr-arvid-neumann.de
Dr. Arvid Neumann ist Orthopäde, Sportwissenschaftler und Autor des Buches "Die Fitness-Lüge" (254 S., 20 Euro, Dumont). Mehr Infos unter dr-arvid-neumann.de

Wie kriegen wir das wieder hin?

Indem wir bewusst und achtsam bleiben für die Art, wie wir uns bewegen. Die Aufgabe besteht darin, unnötiges muskuläres Festhalten schrittweise loszulassen. Und: Wir sollten uns abwechslungsreich bewegen und schon jetzt trainieren, was wir auch im Alter können möchten: eine tiefe Hocke machen, mühelos Treppen steigen und wandern zum Beispiel. Mein Tipp: Bewegen Sie sich intuitiv und bewahren Sie sich eine kindliche Spontaneität und Bewegungsfreude.

Und dann sind auch die Schmerzen weg?

Die Faszie ist eng mit dem Nervensystem verknüpft. Ein Forscherteam aus Indien hat bei Frauen und Männern mit Kreuzschmerzen herausgefunden: Es lag an der Lendenfaszie, die verdickt, verkürzt und weniger gleitfähig war. Und: Es waren nicht die Muskelstränge, die das chronische Leiden auslösten. Die waren genauso stark wie bei gesunden Menschen. Deshalb ist es auch so absurd, wenn Ärzte stets raten, bei Schmerz die Muskulatur zu stärken.