Erschöpfung: Was ist dran am Phänomen Frühjahrsmüdigkeit – und was hilft?
Die Natur erwacht – und viele Menschen fühlen sich erschöpft. Die Frühjahrsmüdigkeit hat Gründe: Gerade die Wochen des Aufbruchs können für Menschen energieraubend sein

Die Natur erwacht – und viele Menschen fühlen sich erschöpft. Die Frühjahrsmüdigkeit hat Gründe: Gerade die Wochen des Aufbruchs können für Menschen energieraubend sein
Seltsam: Während die Natur in diesen Tagen aus dem Winterschlaf erwacht, während Krokusse sprießen und Vögel lauthals zwitschern, fühlen sich viele von uns merkwürdig müde und schwach. Ja, es gibt auch Gute-Laune-Gefühle und Aufbruchstimmung, aber bei nicht wenigen Menschen kommt gleich nach dem Aufstehen auch das große Gähnen.
Nun ist die Frühjahrsmüdigkeit zwar ein geläufiger Begriff, um eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache oder eine medizinische Diagnose handelt es sich jedoch nicht. Lediglich Befragungen deuten auf verbreitete Abgeschlagenheit in den ersten Frühlingswochen hin. Die Studienlage zum Thema selbst ist äußerst dünn, als gut erforscht kann man das Phänomen nicht bezeichnen. Das hat auch damit zu tun, dass die Einflüsse auf unser körperliches Energielevel sehr vielschichtig und individuell sein können.
Frühjahrsmüdigkeit könnte mit Schlafdefizit zusammenhängen
Klar ist: Der menschliche Organismus durchlebt in unseren Breiten eine Art Jahresrhythmus. Wieviel und worauf wir Appetit haben, welche Stimmungen dominieren, wie gut und wie lang wir schlafen – all das wird nicht zuletzt von der Länge der Tage und Nächte beeinflusst. So steigt mit längeren Nächten im Winter bei vielen Menschen tendenziell das Schlafbedürfnis. Gleichzeitig klingelt der Wecker morgens zur selben Zeit, die moderne Arbeitswelt nimmt auf das gesteigerte Schlafbedürfnis nur selten Rücksicht. Die Folge: Am Ende des Winters hat sich ein Schlafdefizit angehäuft, die Müdigkeit schleppt man in den Frühling.
So jedenfalls lautet eine Hypothese zur Erklärung der Frühjahrsmüdigkeit. Sie könnte vor allem bei jenen zutreffen, die aufgrund ihrer körperlichen Veranlagung ohnehin auf einen längeren Schlaf angewiesen sind.
Die Veränderung der Tageslänge hat aber noch weitere, vor allem hormonelle Effekte. Insbesondere für die Produktion des als Schlafhormon bekannten Melatonins spielt das Tageslicht eine Rolle. Je weniger Sonnenstrahlen unsere Augen erreichen, desto stärker schüttet die Zirbeldrüse, eine winzige, zapfenförmige Struktur in unserem Gehirn, das Hormon aus. In den Abend- und Nachtstunden sorgt das nachlassende Licht dafür, dass Körpertemperatur und Blutdruck absinken, der Stoffwechsel heruntergefahren wird und wir uns zunehmend müde fühlen.
Der Hormonaushalt verändert sich
Im Frühjahr, bei immer längeren Tagen, verkürzt sich also die Zeit, in der Melatonin produziert wird. Zugleich schüttet der Körper mehr Serotonin aus, das uns antreiben und positiv stimmen sollte. Bei manchen könnte das Ungleichgewicht zwischen Melatonin und Serotonin vorübergehend dazu führen, dass Antriebslosigkeit und Stimmungsschwankungen überwiegen. Der Körper muss sich erst an die veränderten Lichtbedingungen anpassen.
Auch das Herz-Kreislauf-System ist dabei zuweilen gefordert. Die wärmeren Temperaturen sorgen für eine Weitung der Blutgefäße, was zu einem kurzfristigen Abfall des Blutdrucks führen kann. Besonders wetterfühlige Menschen spüren dies als Schwindel oder Kreislaufschwäche. Gleichzeitig kommt der Stoffwechsel aber auch in Schwung: Nach dem kalorienreichen Wintermodus stellt der Körper langsam auf eine aktivere Phase um.
Nicht zuletzt gibt es Mutmaßungen, dass auch der am Ende des Winters eher niedrige Vitamin-D-Spiegel und die zunehmende Pollenbelastung im März das Phänomen beeinflussen können. Gesichert sind diese Vermutungen nicht.
Aktivität hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit
Die gute Nachricht ist: So unspezifisch und individuell die Symptome, so zügig klingen sie erfahrungsgemäß wieder ab. Hat sich der Körper an die neuen Bedingungen angepasst, verschwindet die Frühjahrsmüdigkeit ohne weiteres Zutun. Wer seinen Körper unterstützen möchte, sollte vor allem auf ausreichenden und konstanten Schlaf achten. Dazu hilft es, gerade in den Morgenstunden viel natürliches Sonnenlicht in die Augen zu lassen. So erhält der Körper das Signal, seinen Biorhythmus ein wenig vorzuziehen. Abends sind wir dann früher müde, können besser einschlafen und so unser Bedürfnis nach Ruhe optimal stillen.
Vor allem aber bringt örperliche Aktivität, am besten im Freien, den Kreislauf in Schwung und wirkt der Müdigkeit entgegen. Auch eine ausgewogene Ernährung mit vielen frischen Lebensmitteln hilft dem Organismus, sich auf Frühling und Sommer einzustellen. Wer seinen Kreislauf stabilisieren möchte, mag zudem mit einer Wechseldusche am Morgen experimentieren. Kalte und warme Reize im Wechsel machen wach und trainieren die Blutgefäße, sodass Kreislaufschwankungen weniger stark ausfallen.
Keineswegs aber sollten wir uns grämen, wenn uns hin wieder ein frühlingshaftes Gähnen überkommt. Schließlich ist auch das nur ein weiteres Zeichen, dass die schönste Zeit des Jahres gerade erst begonnen hat.