Tierhaltung: Kamele als Nutztiere? Ihr "Comeback" in Europa ist kein Grund zur Freude

Kamele könnten in der Klimakrise eine größere Rolle als "Nutztiere" spielen – weil sie an Hitze und Trockenheit angepasst sind. Wir könnten uns damit das nächste Tierschutzproblem einhandeln

Apr 3, 2025 - 17:29
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Tierhaltung: Kamele als Nutztiere? Ihr "Comeback" in Europa ist kein Grund zur Freude

Kamele könnten in der Klimakrise eine größere Rolle als "Nutztiere" spielen – weil sie an Hitze und Trockenheit angepasst sind. Wir könnten uns damit das nächste Tierschutzproblem einhandeln

"Kamele stehen vor ihrem Comeback in Europa" frohlockten kürzlich Forschende. Laut einer italienisch-französisch-österreichischen Studie waren Kamele – also Dromedare und Trampeltiere – bis ins Mittelalter auch nördlich des Mittelmeers übliche "Nutztiere"*. Und sie könnten es nun wieder werden. Denn im Verlauf der Klimakrise muss zumindest der Süden Europas mit wüstenähnlichen Verhältnissen rechnen, mit langanhaltenden Dürren und extremer Sommerhitze. Bedingungen also, mit denen die "Wüstenschiffe", deren Genügsamkeit legendär ist, weitaus besser zurechtkommen als etwa Schweine oder Kühe.

Ist das "Comeback" des Kamels also eine gute Nachricht? Die Beantwortung dieser Frage hängt von der Perspektive ab. Zunächst: Kamele kommen nicht freiwillig. Sie werden sich nicht ausbreiten wie Wildtiere, die ursprünglich in Nordafrika oder im Nahen Osten heimisch sind und nun in (Süd-)Europa neuen Lebensraum für sich entdecken. Sie werden in Viehtransportern importiert werden, sie werden aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen, in Ställe gesperrt und gezüchtet werden. Man wird, um ihre Milch nutzen zu können, Neugeborene von ihren Müttern trennen. Man wird die Tiere schließlich in Schlachthöfe karren. In diesem Zusammenhang von einem "Comeback" zu sprechen, ist geradezu zynisch.

Kamelhaltung ist ein zu wenig beachtetes Tierschutzproblem

Schon heute werden Kamele oft schlecht gehalten und behandelt. So importieren die Länder des Nahen Ostens sogenannte Schlachtkamele aus Afrika. Die Transporte dauern oft Tage – die die Tiere mit verschnürten Beinen und ohne ausreichende Versorgung erdulden müssen. Auf Kamelmärkten müssen die Tiere oft tage- oder gar wochenlang bei teils extremen Temperaturen ohne Schatten und ausreichenden Zugang zu Wasser ausharren. Vom Umgang mit Rennkamelen oder Touristen-Reittieren zu schweigen.

Man kann dagegen einwenden, dass die Tiere es in Europa besser haben werden. Man kann auf standardisierte Haltungsbedingungen in der EU verweisen und den hohen Stellenwert, den der Tierschutz zumindest in der Theorie und im Bewusstsein vieler EU-Bürger*innen einnimmt.

Allerdings: Es gibt noch keinen auf die besonderen Bedürfnisse der Tiere zugeschnittenen rechtlichen Rahmen für die Nutzung von Kamelen in der EU. Detaillierte Vorgaben für eine tierschutzkonforme Zucht und Haltung fehlen. Die Sorge dürfte berechtigt sein, dass bei der Einführung von Kamelen in Europa im großen Stil erst der Profit kommt, dann der Tierschutz. Und davon gerade nur so viel, wie der ertragsorientierten Nutzung nicht im Wege steht.

Zudem zeigt der Umgang mit Rindern, Schweinen und anderen "Nutztieren", die lange in Europa etabliert sind, wie unzureichend der gesetzlich festgeschriebene Schutz in der EU für die Tiere ist. Tierschutzskandale werden – übrigens fast ausschließlich von aufmerksamen Privatpersonen und Tierschutzorganisationen – so regelmäßig aufgedeckt, dass sie eher Teil des Systems als Ausnahmen zu sein scheinen. Grausamkeiten und Misshandlungen sind an der Tagesordnung, Kontrollen sehr selten. Und selbst die vorschriftsmäßige Zucht, Haltung und Schlachtung nach gesetzlichen Mindeststandards gilt vielen mitfühlenden Menschen als Tierquälerei.

Bevor wir das "Comeback" des Kamels bejubeln und sein "Potenzial als nachhaltiges Nutztier" in den Blick nehmen – muss alles dafür getan werden, dass hier nicht das nächste große Tierschutzproblem entsteht.

* Der Autor setzt "Nutztiere" in Anführungszeichen, um deutlich zu machen, dass in der Bezeichnung schon eine Diskriminierung liegt: die Reduktion auf den Nutzen von Tieren für den Menschen.